Intelligenztests entscheiden über private Lebensläufe

Wieso ist Intelligenz plötzlich allgegenwärtig? Woher kommt es, dass in westlichen Gesellschaften viele ihr eigenes Leben und zwischenmenschlichen Beziehungen unter dem Vorzeichen von Intelligenz betrachten? Diesen und anderen Fragen und den Antworten darauf widmet Gisela Schmalz ihr Buch „Fetisch Intelligenz“. Es handelt von Schulkindern und ihren Eltern, von rechtsgerichteten Influencern, die behaupten, Intelligenz sei das erbliche Schicksal Einzelner und ganzer Bevölkerungsgruppen, sowie von Pionieren der künstlichen Intelligenz und der Embryoselektion. Die Autorin hält das Sujet für dringend untersuchungsbedürftig. Denn schließlich entscheiden Intelligenz sowie Einordnungen und Ordnungen auf der Basis bestimmter Intelligenzvorstellungen über private Lebensläufe und ganze Gesellschaftsstrukturen. Als Professorin für Digital Business ist Gisela Schmalz an einer internationalen Hochschule tätig und leitet bei der Deutschen Gesellschaft für Philosophie die „Fokusgruppe Künstliche Intelligenz“.

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Intelligenz stößt oft auf Bewunderung

Seit Jahren forscht Gisela Schmalz zum Thema künstlicher Intelligenz (KI). Jetzt beobachtet sie, wie das I von KI sich verselbstständigt. Intelligenz stößt oft auf Bewunderung und ist ein weitgehend positiv besetztes Konzept. Daher ist der Name „Künstliche Intelligenz“ als Sammelbegriff für abstrakte Technologien eine intelligente Wahl. Die attraktiv gewordene Formel wirkt nun zurück auf den Menschen und seine Intelligenz. Intelligenz lässt sich nur schwer von anderen Konzepten, die das Denken betreffen, abgrenzen. Wörtlich heißt Intelligenz, abgeleitet vom Lateinischen „intellegere“, zwischen den Zeilen lesen.

Drei Beobachtungen im Zusammenhang mit Intelligenz brachten Gisela Schmalz auf die Idee das Buch „Fetisch Intelligenz“ zu scheiben. 1. An Schulen verwendet man Intelligenztests vor allem, um lernschwache Kinder zu identifizieren, was zu deren Stigmatisierung und Selbststigmatisierung führen kann. 2. Rassistische Influencer behaupten, Intelligenz sei primär genetisch bedingt, und propagieren auf der Grundlage die Ausgrenzung, Ausweisung und Sterilisation von bestimmten Menschen. 3. In der libertären Tech-Szene kursieren Vorschläge zur technologischen Verbesserung, Ergänzung oder Ersetzung menschlicher Intelligenz. Der Einsatz von KI ist dabei nur ein „Lösungsvorschlag“ von vielen.

Intelligenz sollte zum Wohl von Menschen eingesetzt werden

Intelligenz ist ein von Menschen gemachtes Konstrukt mit empirischer Grundlage. Es gibt weder ein einziges Intelligenz-Gen noch eine einzige Stelle im Gehirn, die auf Intelligenz hinweist. Überdies wurde nachgewiesen, dass genetisch bedingte Intelligenzunterschiede teils direkt durch Vererbung und teils indirekt durch Umwelteinflüsse zustande kommen. Gisela Schmalz fordert: „Der Begriff der Intelligenz muss aus dem Korsett von IQ und KI breit werden. Um in einer globalisierten, komplexen, hochdynamischen und -technisierten Lebenswelt zu bestehen, bedürfen Menschen einer Vorstellung von Intelligenz, die neu am Menschen ausgerichtet ist.“

Intelligenz sollte zum Wohl von Menschen und zum Schutz der Natur dieser und kommender Generationen eingesetzt werden. Ein isolierter, instrumenteller Intelligenzbegriff, wie er sich in IQ oder in KI widerspiegelt, bewirkt nicht unbedingt Gutes. Konstruktiv kann er nur werden, wenn er im Rahmen weiterer Denkkonzepte betrachtet wird. Gisela Schmalz zieht folgendes Fazit: „Intelligenz sollte nicht fetischisiert, darf aber in ihrer Vielfalt gefeiert werden – doch nur dann, wenn auch Vernunft, Weisheit, Freiheit und Würde zur Party eingeladen sind.“

Fetisch Intelligenz
Wie ein überbewertetes Konzept unser Leben prägt
Gisela Schmalz
Verlag: Berlin Verlag
Gebundene Ausgabe: 285 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-8270-1539-6, 24,00 Euro

Von Hans Klumbies