Institutionen operieren nicht im luftleeren Raum

Vermittelnde Institutionen erfüllen ihre Aufgaben nicht automatisch von selbst. Und offensichtlich operieren sie nicht im luftleeren Raum. Jan-Werner Müller erklärt: „Sie sind vielmehr Teil von Systemen: Parteien bilden Parteiensysteme, Medien bilden Mediensysteme. Deren Struktur kann sich von Land zu Land beträchtlich unterscheiden.“ Welche Art von System jeweils entsteht, hängt ganz wesentlich von dem ab, was der US-amerikanische Soziologe Paul Starr „konstitutive Entscheidungen“ genannt hat. Konstitutive Entscheidungen sind niemals neutral. Sie sind nicht notwendig irreversibel, aber sie verfestigen sich. Und all jene, die von den bestehenden Regeln profitieren, versuchen ihnen neue Legitimation zu verschaffen, falls sie unter Druck geraten. Nicht nur das Parteiensystem, sondern auch das Mediensystem ist gleichfalls von konstitutiven Entscheidungen geprägt. Jan-Werner Müller ist Roger Williams Straus Professor für Sozialwissenschaften an der Princeton University.

Technologie ist nicht das Schicksal

Politische – und damit auch immer kontingente – Entscheidungen öffnen manche Entwicklungspfade und erschließen andere. Diese vielleicht etwas pedantisch klingende Beobachtung hat zwei wichtige Implikationen. Jan-Werner Müller erläutert: „Erstens müssen Verfechter irgendwelcher Reformen eine breitere – das heißt: eine systemische – Perspektive einnehmen. Was in einem Umfeld bestens funktioniert, führt in einem anderen möglicherweise zu einer beträchtlichen Verschlechterung.“ In einer Zeit, da die USA als die führende Demokratie der Welt galten, schien das Präsidialsystem besonders demokratisch.

Wie sich zeigte, funktionierte dieses System allerdings nur, weil die Parteien nicht stark polarisiert waren, während es sich unter anderen Umständen als verlässlich demokratiezerstörerisch erwies. Jan-Werner Müller fügt hinzu: „Zweitens ist Technologie offensichtlich wichtig – aber sie ist nicht das Schicksal.“ Technologien bestimmen weder die rechtlichen Bedingungen ihres Einsatzes noch das Selbstverständnis ihrer Nutzer, etwa der Journalisten. Insbesondere deren höchst unterschiedliche Ansichten zu der Frage, welcher Zusammenhang zwischen ihrem spezifischen Berufsverständnis und der Politik besteht.

Der Leser mutierte vom Wähler zum Konsumenten

Schließlich lösten sich die Zeitungen in den USA von den Parteien und stützten sich lieber auf privaten Profit als auf die Parteikassen. Jan-Werner Müller stellt fest: „Sensationsjournalismus verkaufte sich, und in der Folgezeit kamen Zeitschriften auch ohne die Schirmherrschaft mächtiger Politiker aus. Der Leser war nun hauptsächlich Konsument und nicht mehr Wähler.“ Kulturpessimisten lieferte die „Penny Press“ des 19. Jahrhunderts täglich neue Beweise, dass die Zivilisation vor die Hunde ging.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machten mehrere aus allerlei grauen Eminenzen bestehende Kommissionen den Vorschlag, Zeitungen sollten im Umgang mit Information und Meinung einem Modell „sozialer Verantwortung“ folgen. Jan-Werner Müller ergänzt: „Wie die Forderung nach „Objektivität“ kam das einem Ruf nach softer Selbstregulierung statt im engeren Sinne technischen Regeln gleich. In der Folge konzentrierten sich die größten US-Medien fast vollständig auf Information. Quelle: „Freiheit, Gleichheit, Ungewissheit“ von Jan-Werner Müller

Von Hans Klumbies

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