Innovationen öffnen scheinbar alle erdenkliche Türen

Moderne Gesellschaften sind besessen von Innovationen. Ende 2019 zeigte Google 3,21 Milliarden Treffer für die Suchanfrage „Innovation“ an, deutlich mehr als für „Terrorismus“ (481 Millionen), „Wirtschaftswachstum“ (rund eine Milliarde) oder „Globale Erwärmung“ (385 Millionen). Vaclav Smil schreibt: „Wir sollen glauben, dass Innovationen alle erdenklichen Türen öffnen: zu einer durchschnittlichen Lebenserwartung weit jenseits der 100 Jahre, zur Verschmelzung von menschlichem Bewusstsein mit künstlicher Intelligenz, zur kostenfreien Nutzung von Sonnenenergie.“ Ein so unkritischer Kniefall vor dem Altar der Innovation ist in zweierlei Hinsicht fehlgeleitet: Er ignoriert die Geschichte großartiger Projekte, die gescheitert sind, nachdem gigantische Summen in die Forschung investiert worden waren. Und er liefert keine Antwort auf die Frage, warum wir so oft an einer nicht optimalen Praxis festhalten, selbst wenn wir wissen, dass eine bessere Alternative existiert. Vaclav Smil ist Professor für Umweltwissenschaften an der University of Manitoba.

Der Schnelle Brüter war ein teures Innovations-Fiasko

Der Atomreaktor vom Typ Schneller Brüter, auf diesen Namen getauft, weil er mehr nuklearen Brennstoff produziert als er verbraucht, ist eines der bemerkenswertesten Beispiele für ein in die Länge gezogenes teures Innovations-Fiasko. Vaclav Smil ergänzt: „Die Firma General Electric sagte 1974 voraus, dass spätestens im Jahr 2000 rund 90 Prozent der in den USA erzeugten Elektrizität von Schnellen Brütern kommen würde. Diese Prognose war nicht mehr als das Echo einer weit verbreiteten Erwartung.“

In den 1970er Jahren investierten die Regierungen Frankreichs, Japans, der Sowjetunion, Großbritanniens, der USA und Deutschlands große Summen in die Entwicklung Schneller Brüter. Vaclav Smil stellt fest: „Doch dann führten ausufernde Kosten, technische Probleme und befürchtete Umweltprobleme dazu, dass Briten, Franzosen, Japaner und Amerikaner ihre Brüter-Programme einstellten und Deutschland auf die Inbetriebnahme seines ersten und einzigen Schnellen Brüters verzichtete.“

Viele hoch gehandelte Innovationen sind noch immer nicht wirtschaftlich

Dagegen betreiben China, Indien, Japan und Russland bis heute „brütende“ Versuchsreaktoren. Vaclav Smil weiß: „Nachdem die Welt als ganze über rund sechs Jahrzehnte hinweg deutlich mehr als 100 Milliarden US-Dollar in das Innovationsvorhaben investiert hat, muss man feststellen, dass ein echter wirtschaftlicher Nutzen nicht eingetreten ist.“ Weiter hoch gehandelte grundlegende Innovationen, die noch immer nicht wirtschaftlich sind, sind mit Wasserstoff (Brennstoffzelle) angetriebene Autos, Magnetschwebebahnen und thermonukleare Energie.

Letztgenannte ist das vielleicht berüchtigtste Beispiel für eine innovative Idee, die sich immer wieder der praktischen Umsetzung entzieht. Vaclav Smil fügt hinzu: „Bei der zweiten Kategorie gescheiterter Innovationen – Errungenschaften an denen wir festhalten, obwohl wir wissen, dass wir uns von ihnen verabschieden sollten –, reichen die Beispiele von einfachen Alltagsroutinen zu anspruchsvollen theoretischen Entwürfen.“ Zwei ärgerliche Beispiele sind die Sommerzeit und das „Boarding“ beim Antritt einen Fluges. Quelle: „Zahlen lügen nicht“ von Vaclav Smil

Von Hans Klumbies