Die Besonnenheit führt zu sorgfältigem Handeln

Die Besonnenheit zählt in keinem Fall zur selbstverständlichen „Grundlage des sittlichen Lebens“, wie es der Philosoph Otto Friedrich treffend zusammenfasst. Gerade in einer Zeit, in der es deutlich angesagter ist, entspannt, lässig und kreativ zu sein und irgendwie ein gutes Gefühl bei dem zu haben, was man da so tut. Aber steckt in der Besonnenheit nicht auch etwas Lässiges? Ina Schmidt erläutert: „Die Besonnenheit ist vielleicht darauf aus, nicht alles zu tun, sondern so manches zu lassen, aber dabei ist sie äußerst sorgfältig.“ Ihr geht es darum, überlegt und im besten Falle sinnvoll zu handeln, wenn einem Menschen das rechte Maß zu entgleiten droht, weil er gar nicht mehr weiß, was das ist. Ina Schmidt gründete 2005 die „denkraeume“, eine Initiative, in der sie in Vorträgen, Workshops und Seminaren philosophische Themen und Begriffe für die heutige Lebenswelt verständlich macht.

Die Unerschrockenheit schert sich nicht um Risiken

Wenn Ina Schmidt dagegen von der Unbesonnenheit spricht, meint sie eine Handlung, die einem ersten Impuls entspringt und die vielleicht sogar etwas Beeindruckendes, Kühnes und Unerschrockenes an sich hat. Dabei geht die Unbesonnenheit allerdings nicht so weit wie die Unerschrockenheit, die sich nicht um Gefahren oder Risiken schert, aber beiden ist ein Verhalten gemeinsam, das wenig über das nachdenkt, was es tut beziehungsweise bewirkt. Das Ergebnis muss nicht immer schlecht sein, aber es liegt dann selten an einem selbst, denn unerschrocken zu sein bedeutet nicht gleichzeitig, einen guten Zugang zur eigenen Intuition zu haben.

Ina Schmidt weiß: „Das, was einem überlegten Handeln zugrunde liegen muss, ist ein Art Gemütsverfassung, eine Gesamtverfassung des Seelischen, die dafür sorgt, dass wir uns besinnen, um überhaupt zu wissen, was zu tun ist – und das kann hin und wieder auch sehr schnell gehen.“ Dennoch meint besonnenes Handeln etwa anderes als intuitives Zupacken. Es braucht eben diesen Moment der Pause, des Anhaltens, damit man sich besinnen kann, auch wenn das sehr unterschiedlich ausfallen kann.

Manchmal muss sich ein Mensch ein neues Leben aufbauen

Ein Mensch kann sich besinnen, indem er etwas erkennt, was er vorher nicht als wesentlich erkannt hat. In jedem Fall ist es wichtig, nicht die „Besinnung“ zu verlieren, weil man dann nicht mehr weiß, was von Bedeutung ist und was nicht. Natürlich gibt es aber Momente, in denen ein Mensch von Sinnen ist, weil ihm tatsächlich der Bedeutungsrahmen verlorengeht: Ein Unfall, ein Verlust, ein Schicksalsschlag lässt ihn jeden Überblick verlieren. Hier geht es darum, einen Schock zu verarbeiten, zu trauern oder sich Zeit zu nehmen, um ein neues Leben aufzubauen.

Was hier gefragt ist, ist ein völlig anderer Bezug zu dem, was von Bedeutung sein soll, sodass eine komplette Neuausrichtung an Maßstäben und Zeiträumen notwendig wird, um wieder zur Besinnung zu kommen. Besinnungslos zu sein bedeutet allerdings nicht, „bewusstlos“ zu sein. Sich zu besinnen heißt also zum einen, die eigenen Sinne zu nutzen, um das, was um die eigene Person vorgeht, erkennen und einschätzen zu können, gleichzeitig aber auch, ebendiese Vorgänge auf ihren Sinn hin zu überprüfen, die Folgen zu bedenken und nach den Gründen zu fragen. Quelle: „Das Ziel ist im Weg“ von Ina Schmidt

Von Hans Klumbies

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