In Diskussionen jedweder Art geht es um Meinungen

Die Gegenstände des Wissens haben nichts an sich, dass nur auf einen Menschen und sein Denken verwiese. Peter Trawny erläutert: „Selbst wenn ich etwas weiß, was noch niemand weiß, ist es doch möglich, dass es alle wissen können. Daher hat die Wissenschaft das fragwürdige Pathos, stets unpersönliche Resultate hervorbringen zu wollen; als wären die Wissenschaftler lediglich spezialisierte Maschinen.“ Der Nobelpreis für Physik und Chemie spricht eine andere Sprache, weil er doch bestimmte Individuen ehrt. Dennoch bleibt richtig, dass die Leistung eines Nobelpreisträgers in der Biologie keine Meinung darstellt, sondern ein Wissen, das prinzipiell jedem Menschen zugänglich ist. Nun geht es in Diskussionen jedweder Art jedoch um Meinungen, die geäußert werden, um zu überzeugen. Peter Trawny gründete 2012 das Martin-Heidegger-Institut an der Bergischen Universität in Wuppertal, dessen Leitung er seitdem innehat.

Über die Bedeutung eines Dichters kann nur diskutiert werden

Beim Wissen dagegen gibt es nur zwei Diskussionen, wenn das Gewusste zu interpretieren ist. Eine Gleichung 2 x 2 = 4 lässt ebenso wenig Raum zur Diskussion, wie die von 2 x 2 = 5. Peter Trawny nennt weitere Beispiele: „Dass der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 stattgefunden hat, kann so wenig bestritten werden, wie dass das letzte selbst veröffentlichte Album der Beatles „Lei It Be“ heißt.“ Wenn man aber meint, dass Paul Celan der letzte Dichter ist, der es verdient hat, ernst genommen zu werden, dann kann das nur diskutiert werden.

Und man muss dabei bereit sein, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Denn wozu sollte man diese seine eigene Meinung sonst diskutieren wollen? Hier scheint sich aber ein Problem anzukündigen. Peter Trawny stellt folgende Fragen: „Wenn Meinung kein Wissen ist und auch keines werden kann, wie kann dann eine Diskussion überhaupt ein Ende finden? Und wenn ich in einer Diskussion einer bin, der über ein in der Diskussion besprochenes Wissen verfügt, wie kann ich dann überhaupt diskutieren?“

Meinung unterscheidet sich von Wissen und Unkenntnis

Im ersten Fall fände die Diskussion kein Ende, im zweiten wäre sie abrupt vorbei, ja sie bräuchte eigentlich gar nicht erst beginnen. Peter Trawny blickt zurück: „Platon ist der erste Philosoph, der sich dem Problem ausführlicher gewidmet hat. Vorher hatte bereits ein gewisser Parmenides dafür argumentiert, dass es Wissen nur von einem sic in jeder Hinsicht nicht veränderten Seienden geben könne.“ Alles, was sich irgendwie wandelt, was in dieser Hinsicht Nicht-Seiendes genannt wird, könne nur Gegenstand einer flüchtigen Meinung sein.

Darauf hörte Platon, als er in seinem großen Dialog über die beste Verfassung der Stadt Meinung von Wissen und Unkenntnis unterschied. Meinung gibt es da von den sich verändernden Gegenständen. Man mag einen jungen Mann ungeheuerlich schön, ihn aber als Greis abstoßend finden. Peter Trawny fügt hinzu: „Um jedoch diese Meinung überhaupt haben zu können, muss ich im Vorhinein das Schöne selbst kennen oder wissen, seine Idee. Diese aber verändert sich nicht, bleibt immer mit sich selbst identisch.“ Quelle: „Krise der Wahrheit“ von Peter Trawny

Von Hans Klumbies