Nachdem die Laster alias Todsünden über Jahrhunderte hinweg als Feinde des guten Lebens bekämpft wurden, entdeckte man im 18. Jahrhundert ihren Nutzen für die Allgemeinheit. Annette Kehnel erklärt: „Im Grunde fand hier der bedeutendste Paradigmenwechsel im Wissenssystem des Westens statt: Aus Lastern wurden Tugenden.“ Auch in der Antike und im Mittelalter wurden die Vorteile einzelner Laster diskutiert, doch im 18. Jahrhundert schlug die Stimmung um. Kaum jemand hat diesen Umschwung so prägnant zum Ausdruck gebracht wie Bernard Mandeville (1670 bis 1733) in seiner berühmt gewordenen „Bienenfabel“. Mandeville hatte Medizin und Philosophie in Leuven studiert und war in jungen Jahre nach England ausgewandert, wo er als Arzt arbeitete und seine staatsphilosophischen Studien vorantrieb. Annette Kehnel ist Inhaberin des Lehrstuhls für Mittelterliche Geschichte an der Universität Mannheim.
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Passende Bücher bei Amazon findenBernhard Mandeville erklärt das Laster zur Triebfeder der Ökonomie
Die „Bienenfabel“ ist ein Sammelsurium von Texten, Gedichten, Satiren und moralphilosophischen Essays, die er über die Jahre 1705 bis 1728 schrieb. Annette Kehnel ergänzt: „Leitthema sind die Laster alias Todsünden, die er als wichtigste Triebfeder der Ökonomie zur Grundlage eines prosperierenden Gemeinwohls erklärte.“ Bernard Mandeville stellt das bekannte Bild vom Bienenstock, das über Jahrhunderte für den idealen Staat gedient hatte, auf den Kopf: Bei ihm verwenden Millionen von Bienen ihre Zeit und Kraft darauf, den Lastern zu frönen.
Kaufleute befriedigen die Eitelkeit und Lust ihrer Zeitgenossen. Annette Kehnel nennt andere Beispiele: „Diebe und Banditen, Falschmünzer und andere Nichtsnutze verstehen es mit ihrer Schläue, aus ihren Mitmenschen Profit zu ziehen, Rechtsverdreher und andere Gauner bereichern sich am Gut ihrer Nachbarn, Ärzte sind nicht an der Gesundheit ihrer Patienten interessiert, sondern einzig am Geldverdienen durchs Rezepteschreiben.“ Hinzu kommen ehrlose Soldaten und Politiker, Betrüger in Wissenschaft und Kunst, Halsabschneider in Handwerk und Gewerbe, bestechliche Richter.
Ohne Unersättlichkeit kann eine Gesellschaft nicht überleben
Doch trotz allem ist es wie im Himmel, denn die Wirtschaft boomt. Das aber ändert sich schlagartig, als die Bienen beschließen, künftig ehrlich und tugendhaft zu leben. Was nämlich geschieht? Annette Kehnel erläutert: „Die Fleischpreise fallen, weil niemand mehr prasst, die Juristen verlieren ihren Job, weil es keine Streitfälle mehr vor Gericht gibt, ebenso werden die Gerichtsdiener, Wächter, Schmiede und Henker arbeitslos. Die Anzahl der Ärzte nimmt dramatisch ab, weil sie ihre Arbeit ordentlich machen und die Kranken gesund werden.“
Die Priester müssen nicht mehr nach Macht und Geld streben und haben plötzlich Zeit, sich um Arme, Hungrige und Erschöpfte zu kümmern. Alle leben sparsam und anspruchslos. Bernard Mandevilles Moral leuchtet ein: „Stolz, Luxus und Betrügerei muss sein, damit ein Volk gedeih. Quält uns der Hunger oft auch grässlich, zum Leben ist er unerlässlich.“ Ohne Unersättlichkeit, ohne den Hunger auf immer mehr, kann, so die Lehre daraus, eine Gemeinschaft nicht überleben. Quelle: „Die sieben Todsünden“ von Annette Kehnel
Von Hans Klumbies
