Die Griechen dachten als erste über die Zukunft nach

An die Stelle von Neugier ist heutzutage bei vielen Deutschen eine große Verunsicherung getreten. Ein großer Teil der Bevölkerung weiß nicht, wie es politisch und gesellschaftlich weitergeht – in Deutschland, Europa und der ganzen Welt. Horst Opaschowski erinnert sich: „In Griechenland wimmelte es vor Orakeln – Delphi, Delos, Olympia, Epidaurus, Theben und andere – die miteinander um Treffsicherheit wetteiferten.“ Hinzu kamen sogenannte Seher, die Politikern und Militärstrategen nicht selten das verkündeten, was sie hören wollten. So vermittelten beispielsweise die Feldzüge Alexander des Großen den Eindruck einer fast konspirativen Kooperation zwischen dem König und den Sehern, bei der man nicht wusste, wer wen manipulierte. Horst Opaschowski gründete 2014 mit der Bildungsforscherin Irina Pilawa das Opaschowski Institut für Zukunftsforschung. Bis 2006 lehrte er als Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Hamburg. Ab 2007 leitete er die Stiftung für Zukunftsfragen.

Die Römer hatten mehr die Gegenwart im Blick

König und Seher stecken sozusagen unter einer Decke. Dafür sprach auch, dass jede militärische Expedition ihre eigenen Seher hatte, so wie heute für jeden Wahlkampf parteispezifische Meinungsumfragen und bezahlte Werbeagenturen gibt. Die griechische Kultur hat als Erste ernsthaft über den Begriff der Zukunft nachgedacht. Die Römer dagegen hatten mehr die Gegenwart im Blick und rückten Weissagungen in die Nähe von Betrug, Verschwörung oder gar Landesverrat.

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Die Zukunft wurde in Rom zur Chefsache erklärt. Nur der Kaiser sollte sie kennen. Kaiser Tiberius versuchte, Orakel in der Nähe Roms zu beseitigen. Und Kaiser Claudius fasste im Jahre 47 alle Weissager zu einem Staatskollegium zusammen – eine Art Zukunftsministerium. Die Deuter der Zukunft wurden zu Beamten und die Voraussagen eine Sache des Staatsmonopols. Die Politik Roms hatte ein ernsthaftes Interesse daran, Voraussagen oder gar Gerüchte über die Zukunft der kaiserlichen Macht zu verhindern.

Im Mittelalter kennt Gott allein die Zukunft

So ließ beispielsweise Kaiser Augustus alles verbrennen, was an griechischen und lateinischen Orakelbüchern im Umlauf war. Stattdessen wurde in Rom der Mythos der ewigen Stadt verbreitet. Und der Dichter Horaz verkündete die Carpe-diem-Devise: „Nutze den Tag und verlass dich so wenig wie möglich auf den, der noch kommt.“ Jeder sollte im Hier und Jetzt leben – und nicht etwa im Vertrauen auf die Zukunft. Denn: „Es hat ein weiser Gott den Weg der Zukunft mit dunkler Nacht verhüllt und lächelt nur, wenn ein Sterblicher über das erlaubte Maß sich ängstigt.“

Horaz fährt fort: „Nur der wird sein eigener Herr und heiter leben, der nach jedem Tag zu sprechen weiß: >Ich habe gelebt<“. Das erinnert Horst Opaschowski stark an den Zeitgeist des 21. Jahrhunderts. Cicero stützte Horaz in dieser Meinung, das Wissen um die Zukunft sei weder nützlich noch hilfreich: „Es ist demnach die Unkenntnis künftigen Unheils gewiss von größerem Nutzen als ein entsprechendes Wissen.“ Mit dem Übergang von der Antike zum Mittelalter verändert sich die Einstellung zur Zukunft grundlegend: Gott allein kennt die Zukunft, heißt es jetzt, zumal die Welt nicht mehr lange bestehen sollte. Quelle: „Wissen, was wird“ von Horst Opaschowski