Man weiß noch zu wenig darüber, wie die Auswirkungen des Klimawandels je nach Wetterart und Ort variieren. Aber die Klimaforscher haben in den letzten Jahren deutlich dazugelernt. Friederike Otto nennt ein Beispiel: „Beispielsweise ist heute klar, dass sich Hitzewellen aufgrund des Klimawandels stärker verändern als andere Wetterphänomene.“ Mithilfe von Klimamodellen simulieren Friederike Otto und ihr Team grob gesagt zwei Welten: eine mit und eine ohne den menschengemachten Klimawandel. Im Anschluss berechnen sie mit verschiedenen statistischen Methoden, wie wahrscheinlich oder intensiv Hitzewellen an konkreten Orten sind – und zwar mit und ohne die menschengemachte Erderwärmung. Friederike Otto forscht am Grantham Institute for Climate Chance zu Extremwetter und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Sie hat das neue Feld der Zuordnungswissenschaft – Attribution Science – mitentwickelt.
Der Begriff „Naturkatastrophe“ ist manchmal vollkommen unangebracht
Ob aber Wetter zur Katastrophe wird, bestimmen Vulnerabilität und Exposition. Die Auswirkungen von Extremereignissen sind immer kontextabhängig – stets spielt es eine große Rolle, wer sich vor dem Wetter wie schützen kann. Friederike Otto stellt fest: „Deshalb ist der Begriff „Naturkatastrophe“ vollkommen unangebracht, auch wenn er von den Medien und politischen Diskursen immer wieder verwendet wird.“ Übrigens können sich mehrere gleichzeitig stattfindende oder aufeinanderfolgende Extremereignisse auch zu zusammengesetzten Ereignissen kombinieren.
Oft befinden sich darunter sogar einige, die mit dem Wetter gar nichts zu tun haben – wie beispielsweise die Covid-19-Pandemie. Sie allen schwächen Menschen, Gemeinden und Gesellschaften. Friederike Otto erläutert: „Eine unserer Analysen aus dem Jahr 2021 ergab beispielsweise, dass die mit der Dürre im Süden Madagaskars verbundene Ernährungsunsicherheit hauptsächlich durch Armut, fehlende soziale Strukturen und eine starke Abhängigkeit von Regenfällen, nicht aber durch den Klimawandel verursacht wurde.“ Trotzdem sprach die internationale Berichterstattung nur über Wetter und Klima, ähnlich wie auch bei den Überschwemmungen in Nigeria.
Eine vernachlässigte Infrastruktur ist oft verantwortlich für Naturkatastrophen
Dass hingegen die dortige, seit Jahrzehnten unfertige Infrastruktur einen entscheidenden Anteil an der Flutkatastrophe hatte, war den internationalen Medien so gut wie nicht zu entnehmen. Friederike Otto fügt hinzu: „Wie wir über Extremereignisse berichten, worauf der mediale Schwerpunkt gesetzt wird, beeinflusst nicht nur, welche Maßnahmen wir für möglich halten, um darauf zu reagieren. Sondern auch, wen wir in der Verantwortung dafür sehen, diese notwendigen Schritte umzusetzen.“
Friederike Otto kritisiert: „Die Beschreibung von Extremwetter als Moment, der uns ausschließlich etwas über den Klimawandel erzählt, verschleiert Faktoren, die die Auswirkungen von Wetterereignissen ebenso, wenn nicht sogar noch stärker prägen – und bieten eine bequemen Diskussionsrahmen für Politiker und Politikerinnen, die versuchen, die Aufmerksamkeit von lokalen Entscheidungs- und Planungsfehlern abzulenken.“ Dabei zeigt uns das Wetter als lehrreiches Moment noch viel größere Zusammenhänge. Quelle: „Klimaungerechtigkeit“ von Friederike Otto
Von Hans Klumbies
