Die Erkenntnis des Ichs bei René Descartes und Immanuel Kant

Der Weg zur Wahrheit führt für den Philosophen Herbert Schnädelbach in der Regel über den Ausschluss des Irrtums. Indem ausgeschlossen wird, was aller Wahrscheinlichkeit nicht wahr sein kann, wird die Anzahl der möglichen Wahrheitskandidaten eingegrenzt. Herbert Schnädelbach fragt zum Beispiel, ob es wahr ist, was mache Philosophen über „das Ich“ behaupten. Zunächst stellt er fest, dass dieser Begriff im alltäglichen Gespräch kaum vorkommt, und wenn, dann nur in Wendungen wie: „Er oder sie hat ein starkes Ich.“ Herbert Schnädelbach ergänzt: „Damit ist entweder ein stabiles Selbstbewusstsein oder ein ausgeprägter Egoismus gemeint. Im ersten Fall handelt es sich meist um herabgesunkenes Bildungsgut, beispielsweise aus der Psychoanalyse Sigmund Freuds, wo vom Es, Ich und Überich die Rede ist, oder aus der Tradition der Ich-Psychologie Alfred Adlers und Anna Freuds.“ Vor seiner Emeritierung war Herbert Schnädelbach Professor für Philosophie an den Universitäten Frankfurt am Main, Hamburg und an der Humboldt-Universität zu Berlin.

René Descartes prägt den Satz: „Ego cogito, ergo sum“

In der Philosophie der Neuzeit dagegen spielt der Ausdruck „Ich“ laut Herbert Schnädelbach eine zentrale Rolle, angefangen bei René Descartes. Er prägte den weltberühmten Satz „Ego cogito, ergo sum“, ich denke, also bin ich. René Descartes möchte allerdings nicht nur wissen, dass er existiert, sondern auch was er ist und als was er existiert. Aus seinem Denken heraus glaubt er darauf schließen zu können, dass er ein denkendes Etwas ist, der mit einem Geist, einer Seele, Verstand sowie Vernunft ausgestattet ist.

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René Descartes vertrat die These, dass die unbezweifelbaren Grundlagen des philosophischen Wissens stets am Orte des sich selbst thematisierenden Bewusstseins aufzufinden sind, für das die deutsche Terminologie den Begriff des „Selbstbewusstseins“ prägte. René Descartes fasst sein Denken als eine Tätigkeit auf, die auf ein Ding verweist, das tätig ist, von dem man aber zunächst nicht mehr sagen kann, als das es von der Art dieses Tätigseins ist. Das Ich anzunehmen, zu postulieren ist bei René Descartes ein praktisches Bedürfnis.

Denken führt nur in Verbindung mit der Anschauung zur Erkenntnis

Immanuel Kant dagegen vertritt die Auffassung, dass nicht Denken allein zur Erkenntnis führt, sondern nur in Verbindung mit der Anschauung. Immanuel Kant schreibt: „Nicht dadurch, dass sich bloß denke, erkenne ich irgendein Objekt, sondern nur dadurch, dass ich eine gegebene Anschauung in Absicht auf die Einheit des Bewusstseins, darin alles Denken besteht, bestimme, kann ich irgendeinen Gegenstand erkennen. Also erkenne ich mich nicht selbst dadurch, dass ich mich meiner als denkend bewusst bin, sondern wenn ich mir die Anschauung meiner selbst, als in Ansehung der Funktion des Denkens bestimmt bewusst bin.“

Immanuel Kant hatte das Denken laut Herbert Schnädelbach als eine Art der Spontaneität des Bewusstseins der Empfänglichkeit der Sinne gegenübergestellt. Insofern war bei ihm das „Ich denke“ keine innere Tatsache, aus dem Erkenntnis über das Ich gewonnen werden könnte, sondern nur eine vom Bewusstsein vollzogene Funktion, die schon immer stattgefunden hat, wenn es sich um Erkenntnis handelt, und der man sich nicht direkt, sondern nur im Nachhinein in transzendentaler Analyse versichern kann.

Von Hans Klumbies