Die autoritäre Persönlichkeit will Sicherheit statt Freiheit

Die Grundstruktur des autoritären Denkens kann nur verstanden werden, wenn man dahinter die enttäuschten Bindungshoffnungen sieht – das zerstörte menschliche Vertrauen. Und genau daraus ergibt sich auch die Antwort auf das grundlegende Rätsel des Autoritarismus: Warum um alles in der Welt sollte jemand eine Diktatur gegenüber der Freiheit bevorzugen? Herbert Renz-Polster kennt die Antwort auf diese Frage: „Ganz einfach, weil Freiheit nicht zu Unsicherheit passt. Die autoritäre Persönlichkeit will Sicherheit statt Freiheit, sie will Ordnung statt Offenheit, sie will Hierarchie und kein Netzwerk. Der unsichere Mensch sucht Schutz, er strebt nach einem Leben im fremden, nicht im eigenen Sinn.“ Die zerbrochene Bindung bekommt nun einen Ersatz. Der Kinderarzt Dr. Herbert Renz-Polster hat die deutsche Erziehungsdebatte in den letzten Jahren wie kaum ein anderer geprägt.

Die Ablehnung des Islam ist für die Neuen Rechten nur ein Nebenschauplatz

Statt auf ungewisse menschliche Beziehungen setzen die autoritären Rechten auf eine kategorische, essentialistische Pseudobindung – auf die Bindung an eine Volksgemeinschaft, an eine Ethnie, an einen Boden oder an eine Nation. Der Ersatz für die enttäuschte primäre Bindung soll jetzt „unlösbar“ sein, die Sicherheit felsenfest, historisch verankert und unkündbar. Nur so lassen sich die seltsamen Blüten des rechten Autoritarismus verstehen, nur so lässt sich verstehen, warum von einem „Tausendjährigen“ Reich fantasiert wird und warum heute im modernen Europa auf einmal wieder das „Abendland“ gefeiert wird.

Der Blick auf die Bindungsdynamik erlaubt aber auch einen neuen und tieferen Blick auf die Islamophobie der Neuen Rechten. Sie zeigt, dass die für den Rechtspopulismus so typische Ablehnung des Islam eigentlich nur ein Nebenschauplatz ist. Die Vordenker der neuen Rechten haben längst erkannt: „An Liberalismus gehen Völker zugrunde, nicht am Islam“, sagt Martin Lichtmesz, einer der intellektuellen Granden der rechten Bewegung in Österreich, dazu.

Adolf Hitler hatte gegenüber dem Islam keine Berührungsängste

Für Martin Lichtmesz ist der Islam nur ein hübsches Feindbild für die rechte Basis, mehr aber auch nicht. Auch Adolf Hitler hatte gegenüber dem Islam keine Berührungsängste und fädelte gleich eine deutsch-islamische Waffenbrüderschaft unter der Führung des Großmuftis von Jerusalem Amin al-Husseini ein. Bei Lichte betrachtet sind der islamische Fundamentalismus und der Rechtsautoritarismus nämlich Brüder im Geiste, regelrechte „twin towers“, wenn man so will: derselbe Männlichkeitskult, dieselbe Homophobie, dieselbe patriarchalisch-identitäre Zurichtung.

Julia Ebner hat in ihrem Buch „Wut“ zuletzt darauf hingewiesen, dass die grundlegende Programmatik in den militanten, extremistischen Flügeln der beiden Bewegungen praktisch austauschbar ist. „So traurig es auch ist, das zu sagen“, zitiert sie einen Aktivisten des sogenannten Islamischen Staats, „aber die Identitätsbewegungen sind die Bewegungen, die uns am stärksten ähneln“. Selbst in den Alltagskulturen gleichen sich die beiden momentan verfeindeten Strömungen immer mehr an. Quelle: „Erziehung prägt Gesinnung“ von Herbert Renz-Polster

Von Hans Klumbies

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