Die Liebe verlangt Ausschließlichkeit und fordert wahre Treue

Die Idee der Liebe fordert die individuelle Überwindung der menschlichen Isoliertheit. Sie will laut Herbert Marcuse die erfüllende Hingabe der Individualität in der unbedingten Solidarität von Person zu Person. Diese Hingabe erscheint einer Gesellschaft, in der das gegeneinander der Interessen und die Individualität des Einzelnen die obersten Prinzipien darstellen, rein nur im Tode. Herbert Marcuse erklärt: „Denn nur der Tod beseitigt alle jene äußerlichen, eine dauernde Solidarität zerstörenden Bedingtheiten, im Kampf mit denen die Individuen sich aufreiben. Er erscheint nicht als das Aufhören des Daseins im Nichts, vielmehr als die einzige mögliche Vollendung der Liebe und so gerade als ihr tiefster Sinn.“ Während die Liebe in der Kunst zur Tragödie erhöht wird, droht sie im Alltag der Bürger zur bloßen Pflicht und Gewohnheit zu verkommen.

Die Liebe verlangt Ausschließlichkeit und fordert unbedingte Treue

Herbert Marcuse vertritt die These, dass die Liebe Ausschließlichkeit verlangt, die in der Forderung unbedingter Treue erscheint, die von der Seele her auch die Sinnlichkeit verpflichten soll. Aber die Beseelung der Sinnlichkeit mutet dieser etwas zu, was sie nicht leisten kann. Sie soll dem Wechsel und der Veränderung entzogen und in die Einheit und Unteilbarkeit der Person integriert werden. Die Harmonie zwischen Innerlichkeit und Äußerlichkeit kann auch in diesem Fall nicht funktionieren, da sie durch das anarchische Prinzip der Gesellschaft schon in allen übrigen Bereichen zerstört worden ist.

Die rein privaten Beziehungen wie Liebe und Freundschaft sind für Herbert Marcuse die einzigen Verhältnisse, in denen sich die Herrschaft der Seele unmittelbar in der Wirklichkeit bewähren soll. Herbert Markuse fügt hinzu: „Sonst hat die Seele vor allem die Funktion, zu den Idealen zu erheben, ohne deren Verwirklichung zu urgieren. Die Seele hat eine beruhigende Wirkung. Weil sie von der Verdinglichung ausgenommen wird, leidet sie auch am wenigsten an ihr und setzt ihr den schwächsten Widerstand entgegen.“

Herbert Marcuse erklärt den Unterschied zwischen Seele und Geist

Da Sinn und Wert der Seele nicht in der geschichtlichen Realität aufgehen, kann sie sich auch an einer schlechten Realität schadlos halten. Herbert Marcuse behauptet, dass seelische Freuden billiger als leibliche sind. Zudem sind sie gefahrloser und werden gerne gewährt. Seiner Meinung nach ist es ein wesentlicher Unterschied der Seele vom Geiste, nicht der kritischen Erkenntnis der Wahrheit verpflichtet zu sein. Herbert Marcuse erläutert: „Wo der Geist schon verurteilen muss, kann die Seele noch verstehen.“

Die tiefen und feinen Seelen mögen in dem Kampf um eine bessere Zukunft der Menschheit abseits oder auf der falschen Seite stehen. Vor der harten Wahrheit der Theorie, die eine Notwendigkeit der Veränderung einer elenden Daseinsform aufzeigt, erschrickt die Seele und stellt sich die Frage, wie eine äußere Umgestaltung über die eigentliche, innere Substanz des Menschen entscheiden kann. Die Seele lässt den Menschen weich und gefügig werden und den Tatsachen gehorchen, auf die es ja zuletzt doch nicht ankommt.

Kurzbiographie: Herbert Marcuse 

Herbert Marcuse wurde am 19. Juli 1898 in Berlin geboren. Im Jahr 1934 emigrierte der Philosoph, Politologe und Soziologe in die USA, wo er bis zu seiner Emeritierung als Professor für Philosophie an der University of California lehrte. Zu seinen bekanntesten Schriften zählen: „Vernunft und Revolution“, „Triebstruktur und Gesellschaft“, Die Gesellschaftslehre des sowjetischen Marxismus“, „Der eindimensionale Mensch“, „Kultur und Gesellschaft I und II“ sowie „Ideen zu einer kritischen Theorie der Gesellschaft“. Herbert Marcuse starb am 29. Juli 1979 in Starnberg.

Von Hans Klumbies