In seinem neuen Buch „Stoische Gangarten“ betrachtet Helmut Lethen das stoische Denken neu. Gustave Flaubert führt uns eine stoische Gangart im 19. Jahrhundert vor. Was ist aus ihr im 20. und 21. Jahrhundert geworden? Am „nie versiegenden Vorrat an Gleichgültigkeit der Gesellschaft“, den Flaubert feststellt, herrscht in der Gegenwart kein Mangel. Helmut Lethen schreibt: „Ich empfinde nur, dass die Zukunft leer und drohend auf uns zukommt. Wir leben in einem Raum, in dem politische Paradoxe Handlungslähmung bewirken und Handlungslähmungen Paradoxe plausibel erscheinen lassen.“ Daher ist es schwer, eine Mitte zu finden. Die Erfindung einer Mitte wäre die Lösung des Rätsels, wie man heute noch Stoiker sein könnte. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.
Ein Stoiker führt sein Leben in eigener Regie
Das „Handorakel“ war auf den Schriften des Jesuiten Baltasar Gracián 1647 zusammengestellt worden. Bei Gracián geht es im Grund darum, das Leben in eigener Regie zu führen und seine Hoffnungen nicht als Prozesse zu heften, die man nicht verändern kann. Dreihundert Maximen bietet das „Handorakel“ als Anleitung für stoisches Verhalten an. Darunter folgende: „Nie aus der Fassung geraten. Ein großer Punkt der Klugheit, sich nie zu entrüsten. Es zeigt einen ganzen Mann von großem Herzen an: denn alles Große ist schwer zu bewegen …“
Vielleicht war der Schmerz das „härteste Gestein“, das der Stoiker auf seinem Gang bezwingen musste. Wie der Schmerz ist bei Friedrich Nietzsche auch die Liebe Ansporn zu Tätigkeit und Reflexion. In beiden Fällen tauchen Gedanken der Stoa auf. Trotz der hermetischen Geschlossenheit des Einzelnen schließt Nietzsche wahre Liebe zwischen ihnen nicht aus. Sie hat allerdings nichts mit der Illusion einer Einheit zu tun, sondern ist nur möglich, wenn wir die „Zweiheit“ in der Liebe anerkennen. Liebe ist und bleibt immer Äußerung der Dualität.
Wehrhaftigkeit setze eine „heroische Opfergemeinschaft“ voraus
Ständige Vernetzungsoptionen schmälern die Fähigkeit, auch mal für sich zu sein, obwohl man meist für sich allein ist. Die Kritik beklagt den Zerfall sozialer Kohärenz in einer Kultur der Singularisierung. Helmut Lethen schreibt: „Auf dem Spannungsfeld von demografisch festgestellter Vereinzelung und der politischen Forderung nach Wehrertüchtigung gewinnt das Leitmotiv meines Buchs („Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden“) eine nicht vorgehgesehen Brisanz.“ Der Appell triff auf eine Gesellschaft der Vereinzelten. Wehrhaftigkeit setzt, wie der Politikwissenschaftler Herfried Münkler konstatierte, eine „heroische Opfergemeinschaft“ voraus.
Die Stoa hat sich nie vom Pragmatismus der Realpolitik gelöst, utopisches Denken war ihr fremd. Trotz des Schattens, den die geopolitischen Rivalitäten auf die aufgeworfenen Fragen werden, scheint Helmut Lethen die Forderung nach Wehrhaftigkeit begründet, sie trifft auf den ebenfalls begründeten strukturellen Pazifismus – wie soll man sich aus den Verschränkungen dieses Spannungsfeldes lösen? Jede als paradox begriffene Situation erzeugt Handlungslähmung.
Stoische Gangarten
Versuche der Lebensführung
Helmut Lethen
Verlag: Rowohlt Berlin
Gebundene Ausgabe: 221 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-7371-0237-7, 24,00 Euro
Von Hans Klumbies
