Helmut Lethen propagiert stoisches Verhalten und Denken

Helmut Lethens eigentümliche Reise mit der Stoa mit leichtem Handgepäck gipfelte 1994 mit einem Buch über „Lebensversuche zwischen den Kriegen“. Damals fand er in der heillosen Geschichte der ersten deutschen Republik ein mentales Ordnungsschema, was in unterschiedlichen politischen Strömungen wirksam war, und nannte es „Verhaltenslehren der Kälte“. Helmut Lethen begriff sie als Anweisungen zu stoischem Verhalten und Denken, mit denen man die damaligen Lebensversuche angehen sollte. Die Provokation der „Verhaltenslehren“ bestand in ihrem Angriff auf den Kult der Betroffenheit der achtziger Jahre, auf den Rückzug in eine „Vulnerabilität“, in die sich die einzelnen einigelten und ihre Verletzbarkeit ausstellten. Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.

Die Existenz des Menschen ist nie im Gleichgewicht

„Mein Vorstoß gegen diese Empfindsamkeit trug durchaus unzeitgemäße Züge, weil ich zu Formen strategischen Verhaltens für Hofleute und Jesuiten mim 17. Jahrhundert griff, die von Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche im 19. Jahrhundert aufgefrischt worden waren und deren Nutzen ich für die Gegenwart ausloten wollte“, schreibt Helmut Lethen. Man konnte ihnen Spielregeln der Distanz entnehmen, mit denen selbst auferlegte, erzwungene und verletzende Näheverhältnisse überwunden werden sollten. Es war ein Ratgeber für soziale Spielformen, mit denen sich die Menschen nahekommen konnte, ohne sich zu treffen, mit denen sie sich voneinander entfernen konnten, ohne sich zu verletzen.

Neben Baltasar Graciáns barocken Lehre des distanzierten Verhaltens, wie sie in seinem „Handorakel“ entwickelt wird, hat Helmuth Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ aus dem Jahr 1924 Helmut Lethens Buch maßgeblich geprägt. Helmuth Plessner ging von der Erfahrung aus, dass die Existenz des Menschen „nie im Gleichgewicht“ ist. Die Gesellschaft der Weimarer Republik war 1924 noch vom eben erst abebbenden Bürgerkrieg und der Inflation erschüttert.

Die Beherrschung der Spielregeln der Balance verleiht Stärke

Wie hätten sich die Einzelnen in dieser zerrütteten Phase stabilisieren können? Helmut Lethen erklärt: „Die politischen Fronten waren verworren, der Einzelne, der den Parteien misstraute, musste aus eigener Kraft einen Ausgleich zwischen Vertrauens- und Misstrauenssphären schaffen.“ Stark war nach Helmut Plessner, wer die „Spielregeln“ der Balance – für ihn das einzige Sittengesetz der Gesellschaft – beherrscht. Helmuth Plessners Verhaltenslehre der Distanz war von der Sehnsucht diktiert, eine Elite der Gesellschaft in Formen der Höflichkeit und des Taktes, die auch in Sphären der Gewalt gewahrt werden sollten, zu erziehen.

Wo sind diese Spielregeln stoischen Gleichgewichts heute zu haben? Ist die stoische Gangart im 21. Jahrhundert an ein Ende gekommen oder ganz gescheitert? Vielleicht hat Peter Sloterdijk 2009 einen Abgesang auf die Versteinerungen stoischer Haltung angestimmt, als er schrieb: „Mochten die Stoiker der Antike ihr Leben dem Versuch gewidmet haben, durch stetiges Üben in sich die Statue aufzustellen, die in unsichtbarem Marmor ihr bestes Selbst herausarbeitete – die Modernen finden sich als fertige Trägheitsplastik vor und stellen sich im Identitäten-Park auf, gleich, ob sie den ethischen Flügel wählen oder das individualistische Freigelände bevorzugen.“ Quelle: „Stoische Gangarten“ Helmut Lethen

Von Hans Klumbies