Helmut Lethen schreibt: „Das Schicksal der „stoischen Gangarten“ ist auch die Erzählung einer Enttäuschung. Wenn mich die Architektur des staatlichen Apparats der Gewalt, des „Leviathan“ in rechter und linker Theorie früher fasziniert hat, so überlasse ich das große Tier jetzt der Gleichgültigkeit der Natur.“ Wenn sich bei diesem Gang hin und wieder Züge der Depression einstellen, rührt das vom Verlust der Fähigkeit, Verzweiflung in Melancholie – Lieblingsstimmung meiner Generation –, Erschöpfung in Zorn und Selbstzweifel – Schwundstufe der Empörung – zu verwandeln. Zufällige Ereignisse könnten die Wende des Denkens zur Schwermut hin verursacht haben. Friedrich Nietzsche schrieb einst: „Entwickelung will nicht Glück, sondern Entwickelung und weiter nichts.“ Helmut Lethen lehrte von 1977 bis 1996 an der Universität Utrecht, anschließend übernahm er den Lehrstuhl für Neueste Deutsche Literatur in Rostock.
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Aktuelle Angebote zu "Das vernünftige Ich bestimmt zunächst den Kreis seiner inneren Freiheit"
Passende Bücher bei Amazon findenImpulse des Schmerzes sollten in Meditationen ruhig beobachtet werden
Das 17. Jahrhundert war von christlichem Neostoizismus geprägt, und Graciáns „Handorakel“, das die „Verhaltenslehren der Kälte“ angeleitet hatte, zeugte von der Präsenz des Schmerzes in stoischem Denken. In einem Klassiker der antiken Stoa, Epiktets „Handbüchlein der Moral“ wurden Techniken der Schmerzlinderung empfohlen. Das vernünftige Ich bestimmt zunächst den Kreis seiner inneren Freiheit, das heißt es erkennt, was es realistischerweise kontrollieren kann und was außerhalb seiner Macht liegt – wie Schmerzen und Krankheit.
Impulse des Schmerzes sollen und können durch einen Willensakt unterdrückt oder in Meditationen ruhig beobachtet werden. Helmut Lethen erklärt: „Die Seele kann und soll in rationaler Effektkontrolle ihr Gleichgewicht bewahren, indem sie den Schmerz als lokales Körperereignis abspaltet oder sich nach christlicher Lehre in der Gewissheit wiegt, dass er das Heil im Jenseits zu erlangen ermöglicht.“ Im 19. Jahrhundert werden die theologischen Zurechtlegungen des Schmerzes als „Leidenstechnik“ und Ort der Sinnstiftung vom Materialismus der Physiologen weitgehend abgeräumt.
Zuweilen galt der Schmerz als Korridor zu Urkräften des Menschen
Er war nicht länger ein Element der christlichen „Heils-Maschinerie“, er verhieß überhaupt nichts Sinnvolles. Helmut Lethen ergänzt: „Zu einem physiologischen Faktor, einen elektrischen Impuls, der durch die Nerven schießt, vereinfacht, trug er vorerst keine höhere Bedeutung mehr.“ Hier treffen wir auf naturalistische Entzauberungen des Schmerzes. Das sollte sich im 20. Jahrhundert ändern. Die Verheerungen der Körperwelt, mit denen dieses Zeitalter mit seinen Massentötungen aufwartete, verlangte nach einer erneuten Sinngebung des Schmerzes.
Sie führten zu einer anthropologischen, militärisch-patriotischen oder philosophischen Nobilitierung der Pein, ohne die diese schlecht hätte ausgehalten werden können. Beherrschend und laut betäubend war die Tendenz, im Schmerz einen „Heroismus der Tat“ zu begrüßen. Helmut Lethen fügt hinzu: „Schmerz isoliert den Helden zwar, veredelt aber sein Leiden, indem er, wie Friedrich Nietzsche hofft, in ihm ein Pathos der Distanz gewinnt.“ Zuweilen galt der Schmerz – wie zum Beispiel für Ernst Jünger – als Korridor zu Urkräften des Menschen. Quelle: „Stoische Gangarten“ von Helmut Lethen
Von Hans Klumbies
