Trittbrettfahrer kennen keine Solidarität

Der Gegentyp zum solidarischen Menschen ist der Trittbrettfahrer. Heinz Bude erläutert: „Trittbrettfahrer nehmen für sich ohne Bedenken die Vorteile und Vergünstigungen in Anspruch, die andere für ihn und für Menschen in ihrer oder seiner Lage erstritten haben.“ Sie denken keinen Moment daran, dass sich daraus für sie solidarische Verpflichtungen gegenüber der Gruppe ergeben. Deren Repräsentanten haben in Tarifverhandlungen, in politischen Auseinandersetzungen oder in der Arena der Öffentlichkeit höhere Löhne, längere Ferien, breitere Fahrradwege oder das Recht auf eine bezahlte Elternzeit erstritten. Im Gegenteil: Man brandmarkt gesellschaftliches Funktionärswesen und die Selbstbedienungsmentalität der politischen Klasse. Zudem kritisiert man die moralische Überheblichkeit von stehen gebliebenen Ökoaktivisten. Heinz Bude studierte Soziologie, Philosophie und Psychologie. Seit dem Jahr 2000 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Makrosoziologie an der Universität Kassel.

Trittbrettfahrer wehren sich gegen Verpflichtungen

Trittbrettfahrer verurteilen gern, wovon sie selbst profitieren. Sie unterstellen den anderen genau jenes Verhalten, das sie selbst an den Tag legen. Augenscheinlich dient dieser Selbstwiderspruch nur einem einzigen Ziel: der Abwehr von Teilnahme, Verpflichtung und Rechtfertigung. Man schaut zu, beschwert sich und nimmt mit, was mitzunehmen ist. Dagegen sind alle Bürger ohne schlechtes Gewissen Empfänger staatlicher Leistungen, weil sie als Steuerzahler ihre Bereitstellung zwangsweise finanzieren.

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Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Mancur Olson hat in einer klassischen Analyse der prinzipiellen Widersinnigkeit von kollektivem Handeln den solidarischen Menschen, der an den sozialen Zusammenhalt, an die Wirksamkeit und Anziehungskraft der Gemeinschaft und an die Macht des großen Zusammenschlusses glaubt, für eine Schimäre wirklichkeitsfremder Sozialphilosophen erklärt. Mancur Olson sieht dabei ein Problem in den sogenannten Kollektivgütern. Damit meint er Leistungen oder Vorteile, die gleichmäßig und allgemein verteilt werden und auch Personen, die an ihrem Zustandekommen nicht beteiligt waren, praktisch nicht vorenthalten werden können.

Altruismus kommt nur noch sehr selten vor

Mit anderen Worten: Selbst diejenigen, die sich weder für die Erhaltung dieser öffentlichen oder kollektiven Güter engagieren noch etwas dafür bezahlen, kommen in deren Genuss. Altruismus findet man vielleicht bei jenen kleinen Gruppen, die sich mit den Verdammten solidarisieren. Oder die das Reich der Gnade durch das Reich der Gerechtigkeit ersetzen wollen. Wenn die Verlorenen in einem sozialen Rechtsstaat Gerechtigkeit verlangen können und nicht mehr auf Gnade hoffen müssen, werden die Kollektivgüter als Selbstverständlichkeit empfunden. Mit der Zeit verliert sich dann das Gefühl, dass sich jeder für ihren Erhalt und ihr Wachstum engagieren muss.

Mancur Olson glaubt, die folgenreiche Unterscheidung zwischen einem kollektiven Gut und einem individuellen Vorteil treffen zu müssen. Alle Bürger haben ein gemeinsames Interesse daran, einen kollektiven Gewinn durch eine solidarisch finanzierte Krankenversicherung oder ein allgemeines Recht auf bezahlbaren Wohnraum zu erlangen. Sie haben jedoch kein gemeinsames Interesse daran, die Kosten für die Beschaffung und die Pflege dieses Kollektivgutes zu tragen. Sie verhalten sich wie Trittbrettfahrer bei der Wahrnehmung von Vorteilen. Selbst wollen sie dafür nichts hergeben oder aufwenden. Quelle: „Solidarität“ von Heinz Bude

Von Hans Klumbies