Seelische Vorgänge und körperliche Erscheinungen gehören zusammen

Erst im frühen 19. Jahrhundert entstand die Vorstellung eines „Unbewussten“, das damals noch nicht so benannt, aber in einem „Gangliensystem“ verortet wurde, das im Bauch beheimatet war. Heidi Kastner ergänzt: „Von dort her stammte die Lebenskraft, dort saß auch die „bewusstlose Seele“ und regierte gelegentlich, beispielsweise in dem für die damaligen Ärzte äußerst faszinierenden Phänomen der Hypnose, über das „Cerebralsystem“ im Kopf.“ Georg Groddeck, ein deutscher Psychoanalytiker, vereinnahmte körperliche Beschwerden pauschal als Symbole einer vom öffentlichen Moralempfinden verdrängten Lebenskraft, die sich mangels Anerkennung und passender Ventile nun über den Körper ausdrücken müsse. Damit folgte er Sigmund Freud, der die nicht verarbeitete, triebhafte, körperliche Erregung in einen Körperteil springen sah, wo sie sich in Erkrankung wandelte. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.

Ein ungeordnetes Seelenheil verursachte ein schlechtes Gewissen

All diesen Erklärungen war gemein, dass sie zwar eine Verbindung zwischen seelischen Vorgängen und körperlichen Erscheinungen herstellten, die Zweiteilung von Geist und Körper aber aufrecht erhielten. Heidi Kastner erklärt: „Die Krankheit, das Problem, sprang zwischen der einen und der anderen Seite hin und her und war zwar im Körperlichen besser greifbar, aber im Seelischen beheimatet und verursacht.“ Konsequenterweise wurden in Folge spezifische Triebkonflikte speziellen Organkrankheiten zugeordnet, was sich durch die weitere Forschung in dieser Form nicht bestätigen ließ.

Aber diese Zuordnung bescherte manchem neben der zweifellos vorhandenen Krankheit auch noch ein schlechtes Gewissen ob seines offensichtlich ungeordneten Seelenheils. Heidi Kastner nennt ein Beispiel: „Die Zahl derer, die wegen eines Magengeschwürs ärztlich angeordnete psychotherapeutische Nabelschau betrieben, ist wohl Legion.“ Das aktuell gültige Verständnis der Geist-Körper-Einheit beruht zum einem auf unserem Wissen über das vegetative Nervensystem, das in stetiger Kommunikation mit vielen Organsystemen steht.

Belastend erlebter Stress fördert Erkrankungen

Der Sympathikus ist verantwortlich für Anspannung, der Parasympathikus für Entspannung und Erholung. Im Idealfall stehen beide Systeme im Gleichgewicht, ständige Belastung begünstigt die Sympathikus-Aktivität. Heidi Kastner weiß: „Zum anderen gewinnt das stetig wachsende Wissen über Neurophysioimmunologie, nämlich die Erkenntnis, das Botenstoffe des Nervensystems auf unser Immunsystem wirken und Botenstoffe des Immunsystems auf unser Nervensystem, dass es also völlig „natürlich“ ist, sich als Kranker deprimiert zu fühlen und als Deprimierter infektionsanfälliger zu sein, immer mehr an Bedeutung.“

Diese Wechselwirkungen erklären auch, warum psychotherapeutische Behandlungen körperlich messbare Verbesserungen bewirken können und warum als belastend erlebter Stress Erkrankungen fördert. Heidi Kastner blickt zurück: „Das ist eine Erkenntnis, die so neu nicht ist: schon Louis Pasteur stellte 1878 fest, dass Hühner unter Stressbelastung eine höhere Infektionsanfälligkeit zeigen.“ Gut belegt ist der Zusammenhang von belastender Lebenssituation und vermehrter Cortisonausschüttung, wie wiederum die Immunabwehr schwächt und eine Einfallspforte öffnet für eine Unzahl von Keimen, denen wir täglich begegnen. Quelle: „Wut“ von Heidi Kastner

Von Hans Klumbies