Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung

Das neue Buch von Heidi Kastner ist als ein Essay über die Feigheit zu verstehen beziehungsweise über diejenigen Aspekte dieses Phänomens, die bei der Autorin wiederkehrend Unbehagen auslösen. Feigheit ist eine umfassende und vielschichtige Erscheinung, welche die Menschheit vermutlich seit Anbeginn begleitet und durchgängig negativ bewertet wurde. Feigheit kann als Persönlichkeitseigenschaft oder als Phänomen verstanden werden, das sich nur in spezifischen Situationen manifestiert, und bezeichnet ein Verhalten, das aus einer Kombination von Emotionen und kognitiver Bewertung resultiert. Eine besonders negative und sanktionsintensive Bewertung der Feigheit findet sich immer dort, wo in einer Gesellschaft gemeinsame Moralvorstellungen herrschen und feiges Verhalten andere gefährdet oder einer Bedrohung aussetzt, die durch gemeinsame Anstrengung abgewehrt werden muss. Die Psychiaterin und Primärärztin für forensische Psychiatrie leitet am Neuromed Campus des Kepler Universitätsklinikums die Abteilung für Forensische Psychiatrie.

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Die Grausamkeit der Feigheit: Ein Essay über die menschliche Schwäche Heidi Kastner

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Eine unterschätzte Folge von Feigheit ist die Grausamkeit

Die negative Bewertung der Feigheit hat sehr viel mit moralischer Wertung zu tun, sodass Feigheit heute hauptsächlich als mangelndes Moralempfinden und Untugend angesehen wird. Hannah Arendt sah Feigheit als eine Form der Verantwortungslosigkeit, die dazu führt, dass Menschen sich nicht als moralisches Subjekt verhalten, sich mit anderen nicht verbunden fühlen, aus Angst oder Bequemlichkeit nicht handeln und damit Unrecht zulassen oder ermöglichen.

Eine häufig unterschätzte oder nicht angedachte Folge von Feigheit ist laut Heidi Kastner die Grausamkeit, die durch feiges Verhalten entsteht. Die Verbindung zwischen Feigheit und Grausamkeit ist beileibe keine neue Erkenntnis: Schon Michel de Montaigne bezeichnete die situative Feigheit als „Mutter aller Grausamkeit“. Wenn Feigheit unter anderem als die Vermeidung von klarer Positionierung, Konflikten und Anstrengung verstanden wird, sind natürlich Beziehungen, sowohl in Partnerschaften als auch in Freundschaften, die ideale Bühne für deren Umsetzung.

Mutige Frauen leisteten meist Widerstand gegen ein Unrecht

In der westlichen Welt, so wie in fast allen Kulturen, ist Tapferkeit eine Art Männlichkeitsfetisch, der schon viele Männer in einen frühzeitigen und vermeidbaren Tod getrieben hat. Bei Frauen hingegen, dem „schwachen Geschlecht“, wird Feigheit, wenn schon nicht erwartet, so zumindest großzügig geduldet. Dagegen war die Aufteilung von Mut und Feigheit in der Geschichte beileibe nicht geschlechtsspezifisch fixiert. Wenn Frauen in der Geschichtsschreibung als besonders mutig erwähnt wurden, handelte es sich meist um Widerstand gegen ein Unrecht, Durchhaltevermögen und um die Fähigkeit, die Welt als besseren Ort zu imaginieren und für eine entsprechende Veränderung einzutreten.

Feigheit wird durchgängig verstanden als eine Unterlassung des Gebotenen, rechtens Erwartbaren, wobei dieses Gebotene immer definiert ist durch die geltenden Moralkonzepte. Moral und daraus resultierende Ansprüche und Forderungen sind wandelbar, verhandelbar und abhängig von Zeit und Kontext. Es braucht Mut, moralisch-ethische Normen zu etablieren, sie vorzuleben und damit auch die Feigheit zu definieren: als mangelnde Bereitschaft, sich den Herausforderungen auf allen Ebenen zu stellen, und im Spannungsfeld zwischen ethischer Verpflichtung und berechtigtem Schutzbedürfnis Entscheidungen zu treffen.

Feigheit
Heidi Kastner
Verlag: ecoWing
Gebundene Ausgabe: 124 Seiten, Auflage: 2025
ISBN: 978-3-7110-0363-8, 20,00 Euro

Von Hans Klumbies