Eine Grunderfahrung der Moderne ist das Verstummen der Welt

Eigentlich sollte der technische Fortschritt den Menschen mehr Zeit schenken. Doch eher ist das Gegenteil geschehen. Laut Beschleunigungstheoretiker Hartmut Rosa sind moderne, kapitalistische Gesellschaften durch eine Steigerungslogik gekennzeichnet. Sie müssen wachsen, beschleunigen, Informationen verdichten, um am Leben zu bleiben. Die Menschen sind zwar heute viel mobiler als früher, fahren mit dem Auto, fliegen mit dem Flugzeug, aber dafür werden auch die Wege länger, die sie zurücklegen. Hartmut Rosa erklärt: „Es ist die Steigerungslogik, die das Zeitproblem hervorruft. Und es ist nicht nur der Kapitalismus, der diese Steigerungsraten erzwingt.“ Zu den anderen Strukturen, die ebenfalls für die Rastlosigkeit vieler Menschen verantwortlich sind, zählt die Konkurrenz, über die moderne Gesellschaften funktionieren. Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena sowie Gastprofessor an der New School University, New York.

Heute kann sich kein Mensch mehr seiner Position in der Welt sicher sein

Die Position in der Welt, die ein Mensch einnimmt, ist heutzutage nicht mehr mit der Geburt festgelegt, sondern wird in einem dynamischen Gesellschaftssystem ausgehandelt. Hartmut Rosa erläutert: „Und die Tatsache, dass wir über Wettbewerb Positionen und Güter und Status und Anerkennung vergeben, macht Zeit per se zum entscheidenden Faktor. Denn das Verteilungskriterium ist Leistung. Leistung ist Arbeit durch Zeit.“ Heute kann sich keiner mehr seiner Position in der Welt sicher sein. Umso dringlicher wollen sich die meisten Menschen ihrer Weltbeziehung versichern.

Die Frage des guten Lebens in modernen Gesellschaften ist auch für Hartmut Rosa schwer zu beantworten. Der westliche Wertepluralismus ist seiner Meinung nach das Resultat der Erkenntnis, dass eine Definition des guten Lebens immer etwas Gewaltförmiges hat. Denn es besteht dabei die Gefahr, dass eine soziale Gruppe einer anderen eine bestimmte Konzeption des guten Lebens aufzwingt. Und deswegen kam man zu dem Schluss: es ist das Beste, diese Frage zu privatisieren.

Viele Menschen haben keine Vorstellung von einem gelingenden Leben

Die Idee dabei war, dass jeder Mensch seinen Entwurf des gelingenden Lebens verwirklichen kann. Hartmut Rosa stellt fest: „Aber jetzt sehen wir, dass moderne Subjekte häufig gar keine wirkliche Konzeption eines gelingenden Lebens haben.“ Das Problem liegt seiner Meinung darin, dass aufgrund der Privatisierung des Guten die kollektiven Bedingungen für eine Umsetzung des gelingenden Lebens aus dem Blick geraten sind. Man vergisst dabei, dass es bei der Lebensführung Zwänge gibt, etwa den Zwang zur Beschleunigung.

Die Angst, dass die Welt verstummt, dass unsere Weltbeziehung taub wird, ist für Hartmut Rosa eine Grunderfahrung der Moderne. Seiner Meinung nach ist vor allem Sicherheit notwendig, um die Beziehung der Menschen zur Welt wieder zum Schwingen zu bringen. Hartmut Rosa sagt: „Deswegen bin ich ein Anhänger des Grundeinkommens, weil das signalisieren würde: Man muss keine Angst haben, auf den Abhängen des Sozialen ins Bodenlose zu rutschen. Darüber hinaus bräuchten wir wieder Zeiträume, das heißt: Zeiten und Räume, in denen nicht dieser Dauerdruck vorherrscht.“

Von Hans Klumbies

 

 

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