Jeder kennt die Schlüsselbegriffe der politischen Moderne

Im frühen 19. Jahrhundert erblickten die Schlüsselbegriffe der politischen Moderne das Licht der Welt. Harold James kennt sie: „Neben Nation und Nationalismus auch Konservatismus, Liberalismus, Sozialismus, Kapitalismus und Demokratie.“ Der letzte Begriff, Demokratie, ist natürlich viel älter, doch der Begriff wurde damals auf neue Weise im Kontext einer anderen Organisationsform – großanlegte Wahlen anstelle von Losverfahren für die Vergabe politischer Ämter – wiederentdeckt. Daher hatten die demokratischen Debatten kaum noch etwas mit dem antiken Athen oder den spätmittelalterlichen Stadtstaaten Italiens zu tun. Wir denken auch heute noch in Ismen und aufgrund ihrer Entstehungsgeschichte sind diese Begriffe auf ebenso seltsame wie komplexe Weise miteinander verflochten und voneinander abhängig. Sie atmen diese intellektuelle Luft. Harold James hat eine Lehrstuhl für Geschichte an der Princeton University inne und ist Professor für Internationale Politik an der dortigen School of Public and International Affairs.

Die Begriffe Kapitalismus und Sozialismus waren einst vielschichtig

Sozialismus und Kapitalismus sind ein Beispiel für diese Form der begrifflichen Symbiose – sie sind Antonyme wie Yin und Yang. Harold James erklärt: „Der Begriff des Sozialismus entwickelte sich aus einer Kritik am Kapitalismus, während dieser wiederum die negativen Merkmale einer sich verändernden Welt zusammenfassen sollte.“ Traditionelle Handwerker, neue Industriearbeiter, aber auch eine Aristokratie, deren Reichtum dahinzuschmelzen drohte, und Intellektuelle, deren soziales Kapital untergraben sein könnte: Sie alle fühlten sich von der Übermacht der neuen, kapitalistischen Maschinerie bedroht.

Sie waren nicht unbedingt für den Sozialismus, aber sie verurteilten den Kapitalismus; und all jene, die von Kollektiven sprachen, erhielten viel Zulauf. Harold James fügt hinzu: „Die zwei Antonyme blieben eng miteinander verwoben und im späten 20. Jahrhundert verteidigten die Apologeten des Kapitalismus ihre Position ganz einfach dadurch, dass sie von einem Scheitern des Sozialismus sprachen.“ Die Bedeutungen der Begriffe Kapitalismus und Sozialismus waren im 19. Jahrhundert, als zu zum ersten Mal auftauchten, vielschichtig.

Das Kapitalismus und der Sozialismus waren internationale Phänomene

Sie beschrieben ein sich ständig veränderndes Verständnis dessen, wie die Welt organisiert war und sein sollte. Harold James erläutert: „Sehr früh wurde erkannt, dass der Kapitalismus keine Staatsgrenzen kannte und so zu einer globalen Realität wurde. Der Sozialismus, sein Spiegelbild, war ein ebenso internationales Phänomen. Doch der Ort der Verwirklichung der sozialistischen Ordnung wurde vom Staat vorgegeben, der mehr und mehr die Form des Nationalstaats annahm.“

Die Nationalpolitik und die internationalen, grenzüberschreitenden Phänomene des Kapitalismus und Sozialismus befanden sich also in einem ständigen Spannungsverhältnis. Harold James stellt fest: „Mit Kapitalismus sollte zunächst ein System beschrieben werden, das den Austausch von Eigentum und Arbeitskraft ermöglichte und die Subjekte dieser Tauschhandlungen auf eine Weise wiederum zu kaufbaren Produkten machte, was mit den alten Traditionen brach.“ Quelle: „Der Krieg der Worte“ von Harold James

Von Hans Klumbies