Der Kapitalismus und der Sozialismus entwickelten sich in zwei Richtungen

Der Kapitalismus beruht auf dezentralisierten Entscheidungsprozessen. Doch je stärker sich das Kapital konzentriert, desto eher scheinen Entscheidungen an nur wenigen Knotenpunkten getroffen zu werden. Geht das schon in Richtung Planwirtschaft? Harold James erklärt: „Der Sozialismus war eine Reaktion auf die organisatorischen Herausforderungen einer Humanisierung des Kapitalismus. Er entwickelte sich in zwei verschiedene Richtungen: Die erste setzte auf Planwirtschaft, die zweite auf die Umverteilung der Profite im Sinne einer gerechten Gesellschaft.“ Trotz der internationalistischen Ansprüche des Sozialismus wurden beide Denkrichtungen am ehesten noch im Kontext existierender Staaten realisiert. Das Verhältnis zwischen Sozialismus und Internationalismus bliebt daher immer angespannt. Harold James hat eine Lehrstuhl für Geschichte an der Princeton University inne und ist Professor für Internationale Politik an der dortigen School of Public and International Affairs.

Hegemonie war ein komplexes Phänomen

Der Nationalstaat, ob nun populistisch oder demokratisch regiert, war eine Reaktion auf den delokalisierten Kapitalismus. Harold James ergänzt: „Mit der Zeit brachte man ihn zunehmend mit Wirtschaftsfragen und der Förderung von Wachstum und Entwicklung in Verbindung – eine Fixierung, die in Zeiten von Wirtschaftskrisen oder Unruhen gefährlich werden konnte.“ Dieselbe Denkweise, welche die Existenz des Nationalstaates mit dessen wirtschaftlichen Vorteilen begründet, wurde auch auf transnationale Organisationen übertragen – insbesondere im Falle Europas.

Die Europäische Gemeinschaft und die Europäische Union machten sich angreifbar, weil es so wirkte, als seien sie primär für einen rein wirtschaftlichen Zweck erschaffen worden. Harold James blickt zurück: „Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Frage der Dominanz eines Staates über einen anderen – gefasst als Hegemonie oder als Imperialismus – zur organisatorischen Schlüsselfrage internationaler Beziehungen.“ Hegemonie war ein komplexes Phänomen, denn sie beruhte zwar auf Macht, ließ sich aber nicht durch schiere Stärke durchsetzen.

Vor hundert Jahren erlebten die Menschen eine weitere Sattelzeit

Vielmehr musste der Hegemon etwas investieren, eine Bürde schultern oder einen Preis zahlen. Und die Ausübung von Hegemonie produzierte keine steigenden Kosten, sondern eine Gegenreaktion, den Anstoß zum Prozess der Dehegemonisierung. Harold James stellt fest: „Vor hundert Jahren, nach einer weiteren Epoche revolutionärer Umwälzungen wie dem Ersten Weltkrieg und der Oktoberrevolution, erlebten die Menschen eine weitere Sattelzeit – eine neue Herausforderung für die globale Verbundenheit.“ Die Gewissheiten der Welt von 1914 schienen dahin zu sein. Gleichzeitig blickten viele nostalgisch auf die Vorkriegszeit zurück und wünschten sich einige ihrer besseren Eigenschaften zurück.

John Maynard Keynes hat in seinem berühmten Buch „Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrags“ auf brillante Weise die Ära der globalen wirtschaftliche Vernetzung von 1914 beschrieben, um dann aufzuzeigen, wie die politische Kurzsichtigkeit die Chance für nachfolgende Generationen wieder zerstörte. Harold James erläutert: „Der Nationalismus, Sozialismus, Kapitalismus und sogar die Demokratie schienen weltgehend aus mehr von Gewalt und weitaus weniger von Sachlichkeit bestimmt zu sein.“ Quelle: „Der Krieg der Worte“ von Harold James

Von Hans Klumbies