Wilhelm von Humboldt schreibt in seinem kurzen Text „Über Denken und Sprechen“: „Das Wesen des Denkens besteht im Reflektieren, das heißt im Unterscheiden des Denkenden von dem Gedachten.“ Diese Entzweiung reflektierenden Bewusstseins führt in einen Zwischenzustand. Wilhelm von Humboldt fährt fort: „Um zu reflektieren, muss der Geist in seiner fortschreitenden Tätigkeit eine Augenblick still stehen, das eben Vorgestellte in einen Einheit fassen, und auf diese Weise, als Gegenstand, sich selbst entgegenstellen.“ Hans Rudi Fischer erläutert: „Die Einheiten, von denen Humboldt spricht, sind begrifflich gefasste Vorstellungen. Im Intervallum des Stillstehens bezieht das Subjekt die als Gegenstand gesetzte Vorstellung auf sich selbst als entgegengesetztes Subjekt zurück. Hans Rudi Fischer ist Philosoph und Psychologe. Seit 30 Jahren arbeitet er als Lehrender Therapeut, Coach und Organisationsberater.
Selbsterkenntnis ist ein Prozess und kein Zustand
Wilhelm von Humboldts Metapher vom Augenblick des Stillstehens bringt jenes Dazwischen – temporal wie lokal – schön zum Ausdruck. Wie ist das Verhältnis eines Menschen zur Welt zu denken? Hans Rudi Fischer erklärt: „Diese Frage setzt das Ergebnis einer vorläufigen Operation bereits voraus. Nämlich die Unterscheidung zwischen uns und der Welt.“ Zunächst stellt sich Hans Rudi Fischer eine Welt vor – als die von ihm gedachte Einheit – und unterscheidet sie vom denkenden Ich.
Hans Rudi Fischer zweifelt nicht daran, dass die Welt existiert und er in ihr ist: so zumindest lautet ein realistisches Selbstverständnis. Selbsterkenntnis war schon bei Platon als Prozess gedacht und nicht als Zustand. Es gibt allerdings ein unüberwindliches Problem bei der Selbsterkenntnis. Hans Rudi Fischer stellt fest: „Nämlich dass dabei Subjekt und Objekt eins, sprich identisch sind. Zur Selbstreflexion ist Entzweiung notwendig beziehungsweise „exstasis“, gedankliches Heraustreten-Können, um seiner selbst ansichtig zu werden.“
Das Denken ist ein Selbstgespräch der Seele mit sich selbst
Das Phänomen, dass einem im Gespräch mit anderen die Aufmerksamkeit verloren geht und die Gedanken abschweifen, ist bekannt. Hans Rudi Fischer fügt hinzu: „Um bei der Beschreibung dieses Phänomens nicht mit der zweiwertigen Logik – dem Satz des Widerspruchs – zu kollidieren, führen wir hier gewöhnlich einen Unterschied ein: Wir sind physisch anwesend und mental abwesend.“ Wo ist dabei jene Zweieinheit, das sich denkende und gedachte Ich?
Wilhelm von Humboldts Sätze formulieren in einfachen Worten, was Menschen tun, wenn sie denken. Hans Rudi Fischer weiß: „Platon hat Denken als Selbstgespräch der Seele mit sich bestimmt und damit auch den sozialen Rückzug des Denkenden, der Geistestätigkeiten eigen ist.“ Es ist ein Rückzug ins eigene Bewusstsein. Sieht man vom reflexiven Aspekt des denkenden Ichs ab, bemerkt man andererseits, dass sich das Denken mit etwas von ihm Verschiedenen beschäftigt und sich die Gedanken dabei auf Abwesendes beziehen. Quelle: „Ins Dazwischen“ von Hans Rudi Fischer
Von Hans Klumbies
