Hans-Georg Gadamer verehrt Jaspers und Heidegger

Laut Hans-Georg Gadamer hängt die Menschlichkeit eines Individuums vor allem davon ab, wieweit es die natürlichen Grenzen, die es in seinem Wesen gegenüber denjenigen seiner Mitmenschen hat, sehen zu lernen vermag. Seiner Meinung nach profiert ein Mensch auch von denen, die von einem selbst lernen. Eine eminent politische Tätigkeit ist für den Philosophen Hans-Georg Gadamer das Denken und die Schulung von anderen im Denken.  Außerdem gilt es die die freie Urteilskraft zu wecken und in anderen zum Leuchten zu bringen. Er erklärt: „In diesem Sinne glaube ich, dass auch meine eigene Urteilsfähigkeit immer an dem Urteil des Anderen und seiner Urteilsfähigkeit seine Grenze findet und von ihm bereichert wird. Das ist die Seele der Hermeneutik.“

Der Lehrer Martin Heidegger

Hörerschaft meint für Hans-Georg Gadamer nicht eine Versammlung von Studenten, sondern es meint alle Menschen. Er erläutert: „Wir alle sind Hörerschaft, wir müssen lernen zu hören, auf dem einen und dem anderen Wege, und stets gegen die eigene In-sich-Befangenheit anzugehen, in die Eigenwille und Geltungsrang jeglichen geistigen Antrieb einzufangen streben.“ Für Hans-Georg Gadamer gehört es zu den Grundaufgaben des Menschen, ein Hörender zu werden. Er nennt zwei Philosophen, die über die Zeiten hinaus aller Lehrer sind: Martin Heidegger und Karl Jaspers.

Martin Heidegger, ein Naturgenie des Denkens zeichnet sich durch radikale Denkerergie, überwältigende Entschlossenheit und Konzentration aus. Hans-Georg berichtet über die Studienzeit der zwanziger Jahre in Marburg. Er sagt über Martin Heidegger: „Gleichwohl war die Energie, mit der Heidegger seine eigene Konzentrationskraft sozusagen über uns ausgoss, so etwas wie eine Taufe zu einem neuen Aufbruch, zu einer neuen Lebendigkeit des Denkens.“ Alle Hörenden wurden damals mit einem maßlosen und unverdienten Selbstbewusstsein erfüllt.

Karl Jaspers Humanität und Gelassenheit

Martin Heidegger war laut Hans-Georg Gadamer für alle seine Schüler eine große Herausforderung. Karl Jaspers dagegen war in seinen Augen ein Philosoph, der sich dem akademischen Routinewesen entzogen hatte und die Würde des akademischen Berufes gerade dadurch neu zur Darstellung zu bringen wusste. Hans-Georg Gadamer erzählt: „Es war im besonderen der humane Ton einer ungezwungenen Gelassenheit, der mich anrührte und mir die Aufgabe stellte, diese Humanität mit der gewaltigen Aufbruchsphase Martin Heideggers zu verbinden.“

Karl Jaspers war laut Hans-Georg Gadamer ein ungeheurer Leser, in dem der ganze Bildungsreichtum der Tradition in seinem menschlichen Reichtum lebendig wurde. Hans-Georg Gadamer bewunderte das Talent oder Genie, wie Karl Jaspers durch Überzeugungen hindurch in wahrhaft universaler Weite das Grundwissen herauszulesen wusste, das in seiner eigenen Gestalt zu Tage trat. Diese Gabe, die er selbst Kommunikation genannt hat, vereinigte Karl Jaspers mit der Radikalität und wissenschaftlichen Strenge.

Von Hans Klumbies

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