Ward Farnsworth fasst die sokratische Methode in aller Kürze zusammen. „Wenn jemand eine Behauptung dazu aufstellt, was richtig und falsch oder gut oder schlecht ist, so hinterfrage sie. Frage, was dein Gesprächspartner mit der Aussage meint, erkundige dich nach anderen Überlegungen, die dein Gegenüber hegt, und suche nach Widersprüchen und Spannungen zwischen diesen Äußerungen. Mache durch deine Fragen deutlich, dass die Behauptung für denjenigen, der sie aufgestellt hat, zumindest stellenweise unbefriedigend gewesen sein muss.“ Tatsächlich widerspricht du deinem Gesprächspartner jedoch so geschickt, dass nicht der Eindruck eines Streits entsteht. Dein Gegenüber wird seine Behauptung anpassen, und auch die neue Äußerung wird von dir hinterfragt. Ward Farnsworth war Dekan an der University of Texas School of Law und ist dort am John-Jeffers-Forschungslehrstuhl tätig.
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Aktuelle Angebote zu "Gute Freude sollten widersprechen"
Passende Bücher bei Amazon findenDie Wahrheit kann in vielen Fällen nie erreicht werden
Im sokratischen Sinne ist Widerspruch eine Freundschaftspflicht: Wir brauchen Freunde, die uns widersprechen, denn aus der Reibung entsteht etwas Gutes. Ward Farnsworth fügt hinzu: „Wenn jemand geschickt darin ist, unsere Behauptungen – hoffentlich taktvoll – infrage zu stellen, gibt uns das die Chance zum Umdenken, zum Erkennen von Denkfehlern, oder eben auch zur Klärung der eigenen Position.“ Die Auseinandersetzung legt Einzelheiten und Grundannahmen offen, und es könnte sein, dass wir uns unserer Ansichten nicht mehr so sicher sind.
Das mag sich anfühlen wie ein Verlust, führt uns aber an die Wahrheit heran – selbst wenn diese Wahrheit in manchen Fällen nie ganz erreicht werden kann. Ward Farnsworth ergänzt: „Selbst dann haben wir noch bestimmte Überzeugungen, aber wir halten anders an ihnen fest. Wir sind bescheidener, wir sind uns unserer Unwissenheit eher bewusst, wir sind nicht mehr absolut sicher, wo wir es nicht sein sollten, wir haben mehr Verständnis für andere.“ Sokrates sah darin einen großen Gewinn an Weisheit.
Sich allein über bestimmte Themen nachzudenken ist lohnend
Sokratische Gesprächspartner versuchen also, sich gegenseitig voranzubringen, sie sind scharfsinnig, widerspruchsfreudig und wohlwollend. Ward Farnsworth erklärt: „Dennoch klingen die Ratschläge zur Gesprächsführung wie eine Anleitung dazu, wie man sich möglichst unbeliebt macht oder gar den eigenen Tod riskiert. So endete es jedenfalls für Sokrates.“ Doch seien Sie unbesorgt: Wenn hier beschrieben wird, wie die Methode zwischen zwei Gesprächspartnern abläuft, ist dies hauptsächlich der besseren Verständlichkeit geschuldet.
Im echten Leben – und bei der Platon-Lektüre – betrachten wir die sokratische Methode am besten als eine Möglichkeit, für sich allein über bestimmte Themen nachzudenken. Ward Farnsworth erläutert: „Dabei fordern wir uns selbst heraus, gehen uns auf den Geist, stellen uns auf die Probe und widersprechen uns, genauso, wie Sokrates es tun würde.“ Das mag einfacher klingen als die Anwendung der Methode im echten Dialog, ist jedoch um vieles schwieriger. Aber es ist aus lohnender und weniger gefährlich. Quelle: „Die sokratische Methode“ von Ward Farnsworth
Von Hans Klumbies
