Grundeinkommen und Bildung gehören zusammen

Der Soziologe Wolfgang Engler legt in seinem Buch „Die unerhörte Freiheit schlüssig dar, warum er ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, strikt ablehnt. Ihm gehen die Ansätze unorthodoxer linker Intellektueller oder des Unternehmers Götz Werner nicht weit genug. Er fügt zur Debatte über das Grundeinkommen die Problematik der Bildung hinzu. Der Autor ist seit Oktober 2005 Rektor an der Schauspielschule „Ernst Busch“ in Berlin. Bei allen Wahlmöglichkeiten, die der Bürger in einer demokratischen Gesellschaft hat, ein Recht bleibt ihm verwehrt, das Recht auf Arbeit. Wolfgang Engler meint, dass nichts die Sittenwidrigkeit des Arbeitszwangs auffälliger demonstriert, als der Umstand seiner offiziellen Leugnung.

Das Recht auf Leben ohne Arbeit ist nur eine kecke Redensart

Die Debatte um das Grundeinkommen befindet sich in einer Phase, in der es nicht mehr darum geht, ob es gewährt werden soll oder nicht, sondern nur noch darum, wie großzügig es sein darf und ab welchem Alter Menschen Anspruch darauf haben. Wolfgang Engler klärt auf, dass die Alternative, arbeiten oder nicht arbeiten niemals in der bisherigen Menschheitsgeschichte existierte.

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Wolfgang Engler geht davon aus, dass der Entschluss, die Arbeit abzuwählen nicht legitim sei. Denn entschiede sich die Mehrzahl der Bevölkerung für den Arbeitsverzicht, gäbe es bald niemanden mehr, der sich um das materielle Fundament der Freiheit bemühte. Für den Autor ist das „Recht auf Leben ohne Arbeit“ nur eine kecke Redensart.

Die Freiheit muss an der Arbeit ausgerichtet sein

Wenn der Mensch nicht mehr arbeiten muss, fängt für Engler erst die eigentliche Arbeit, die „Eigenarbeit“ an, Bildung muss her. Dazu sei Ausdauer und Mut nötig und die Fähigkeit zeitweilige Verirrungen zu ertragen. Um Bildung für alle sicherzustellen, ist laut Engler ein Mehrfaches der heutigen finanziellen Aufwendungen für Kinderkrippen, Kindertagestätten und Schulen notwendig.

Doch einige Bundesländer scheitern ja schon daran, den Schülern genügend Lehrer zur Verfügung zu stellen. Engler ist sich sicher: „Vereinbarkeit der Arbeit auf Basis eines auskömmlichen Grundeinkommens überzeugt nur als gebildete Freiheit.“ Der Autor stellt die Frage, ob sich die Freiheit rechnet, wenn sie hinter die Arbeit ein Fragezeichen setzt und beantwortet sie mit einem Ja.

Denn Aussteiger, Arbeitsbürger oder Unternehmer zögen, erfüllte man das Versprechen abwählbarer Arbeit überlegt, Gewinn daraus, kulturellen oder materiellen, jetzt oder in naher Zukunft. Aber die absolute Freiheit, die alle jederzeit mit Ausstiegsrechten und mit Arbeitsgarantie versieht, bedeute nichts anderes, als die Freiheit wieder an der Arbeit auszurichten, das heißt im Alten zu verharren.

Denken hilft!

Der Dreiklang einer verheißungsvollen Zukunft – Absetzbare Arbeit, Grundeinkommen, Bildungsoffensive, sind zwar grundsätzlich diskutiert, doch die Ausführung steht noch in den Sternen. Der Autor wird diese schöne Utopie nicht mehr erleben. Vor 40 Jahren musste ein Lehrer durchschnittlich 30 Kinder unterrichten, heute sind es vielleicht 29. Weiterrechnen lohnt sich nicht.

Dennoch ist Wolfgang Engler der Ansicht, dass mehr persönliche Freiheit gegenüber den ökonomischen Zwängen möglich ist. Er schließt sein Werk mit den schönen Worten: „Hat es mit dem Gedanken gute Weile, das, was vernünftig ist, auch einmal wirklich wird? Schlösse man das aus, wäre Denken die reinste Zeitverschwendung.“ Dieses Buch ist keine Zeitverschwendung, sondern regt zum Denken an. Sein Motto lautet: Denken hilft.

Unerhörte Freiheit
Wolfgang Engler
Verlag: aufbau
Gebundene Ausgabe: 175 Seiten, Auflage 1: 2007
ISBN: 978-3-351-02656-1, 16,95 Euro

Von Hans Klumbies

2 Gedanken zu „Grundeinkommen und Bildung gehören zusammen

  • 4. Juli 2010 um 12:03
    Permalink

    Muskelspiele im Elfenbeinturm

    von Florian Felix Weyh

    Wolfgang Engler knüpft seine Forderung nach einem Grundeinkommen an eine Bedingung: Nur wer sich bildet, darf auf staatliche Fürsorge hoffen.

    Einem Menschen beim Denken zuzusehen, kann horizonterweiternd, vergnüglich oder anstrengend sein. Im besten Fall provoziert es neue Gedanken, im schlechtesten ein Kopfschütteln. Bei Wolfgang Engler lässt sich alles zugleich erleben, denn dieser Autor arbeitet mit dem Gehirn wie ein Bodybuilder an der Kraftmaschine: Jedes Muskelchen muss strapaziert werden! Seine populäre Forderung nach einem „auskömmlichen Grundeinkommen“, die er in seinem neuen Buch „Unerhörte Freiheit“ stellt, ist so zum naturrechtlichen Exkurs geraten, der vor selbstreferenziellen Schleifen, mannigfaltigen Paradoxien und Schachtelsätzen nicht zurückschreckt – als stünde der Autor ständig vor dem Spiegel und betrachte seine durchtrainierte Gehirnmasse mit eitel Wohlgefallen.

    Nun denn: Wolfgang Engler, der gelernte (Ost-)Soziologe, will Philosoph sein, keinesfalls Kaufmann, und diese unerhörte Freiheit ist jedem gegeben, der ein auskömmliches Gehalt als staatlich besoldeter Rektor einer Schauspielschule bezieht. Von dieser sicheren Warte aus lässt sich ein Gesellschaftsvertrag statuieren, der als Menschenrecht daherkommt und sich nicht darum kümmert, wer einst dafür bezahlt. „Die Fanfare einer kühnen sozialen Utopie“ soll eben nicht „im Handgemenge ihrer voreiligen Verwirklichung“ untergehen.

    Wenn nur einer, tönt Utopist Engler, in einer hoch effizienten Industriegesellschaft seinen Lebensunterhalt nicht mehr durch „gute Arbeit“ erwirtschaften könne, sei dies Begründung genug, um eine allgemeine Basisversorgung einzuführen. Denn Naturrechte heben nicht auf die große Zahl ab, sondern auf den exemplarischen Einzelfall.

    Die Krux liegt im Begriff der „guten Arbeit“. Da irrt Wolfgang Engler trostlos in der Vergangenheit herum. Der 1952 geborene Autor kann seine DDR-Sozialisation nicht abstreifen, sein Blick nach vorn ist immer durch den Blick nach hinten versperrt. Über den stupiden Arbeitsbegriff der Marxisten kommt er kaum hinaus, kulminierend im Irrtum, Arbeit sei eine fixe Größe, die man umverteilen könne. Dass schon jenseits der bäuerlichen Urhorde Arbeit zum fluiden und damit unbegrenzten Stoff geworden ist, der auf zwischenmenschlichen Abmachungen beruht, bleibt Engler so fremd wie die reale Marktwirtschaft, die er mit Begriffsklischees aus dem 19. Jahrhundert überzieht.

    Götz Werner, Chef der Drogeriekette DM und Autor von „Einkommen für alle“, ist da mit seinen Überlegungen zur Überproduktionsgesellschaft schon weiter – nämlich bei der Erkenntnis angelangt, wie gering der Anteil von menschlicher Beschäftigung an der Güterproduktion heute ausfällt. Derweil gibt sich Wolfgang Engler noch der Illusion einer „abwählbaren Arbeit“ hin, sobald jedermann an den materiellen Wohlstand angekoppelt sei. Vielleicht sollte er lieber mal einen Tag lang protokollieren, wie viel nicht durch Maschinen substituierbare Arbeit ihm allein in 24 Stunden begegnet.

    Doch Engler hält auch schwere Irritationen für jene bereit, die den Sozialstaat mit neuer Bequemlichkeit ausstatten wollen. Bedingungsloses Grundeinkommen darf es nicht geben, sondern nur staatliche Versorgung gegen Bildungsverpflichtung. Sie triebe das heutige „stillgelegte“ Freizeitindividuum zur humanistischen Selbstentfaltung an.

    Mit dieser Leimrute möchte Engler sentimentale Liberale auf seine Seite ziehen – doch die werden den Braten riechen, dem einschmeichlerischen Hannah-Arendt-Zitat zum Trotz: „Der ganze Sinn von Politik ist Freiheit.“ Denn wie bei allen Grundeinkommenspredigern enthält auch Englers stellenweise wirre Suada einen unterschwellig totalitären Zug.

    Wehe uns allen, nähme sich ein Praktiker dieser und ähnlicher Vorlagen aus dem Elfenbeinturm an. Dann bliebe ganz viel Verteilungspolitik und ganz wenig Freiheit übrig – nur für nostalgische Ex-DDR-Bürger eine Lebensoption.

  • 4. Juli 2010 um 12:33
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    Das Hinterland der BGE- Skeptiker ist voller Überraschungen. Nun wird hier bei Wolfgang Engler das Recht auf Bildung mit dem Recht auf Arbeit diskursiv gegeneinander in die Waagschale geworfen. Darin Stimme Ich mit dem Autor überein: Bildungsarbeit muß möglich werden -auch für jeden. Freiheit von der Erwerbsarbeit ist doch aber die Vorraussetzung für den zeitlichen Freirraum den die Bildung benötigt. Die Frage muß erlaubt sein, warum gegen Studiengebühren gestritten wird und – ist die Lehre frei? Für den Bildungshungrigen ist das BGE die richtige Vorraussetzung. Widerum Lehrende, die Ihren Job ernst nehmen, werden nicht plötzlich Ihre Werte über Bord schmeißen, weil sie nicht mehr Arbeiten müssten. Das ist Quatsch. Sie werden sich neu formieren – ganz einfach.

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