Wie lässt sich Gesundheit definieren? Am bekanntesten ist vermutlich die Formulierung der Weltgesundheitsorganisation (WHO): „Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefinden und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Neben dem sehr weit gefassten, über den körperlichen Aspekt hinausgehenden Verständnis von Gesundheit findet Axel Braig an dieser Formulierung vor allem bemerkenswert, dass sie den eher subjektiven Begriff des Wohlbefindens verwendet. Andererseits hatte Axel Braig Medizin studiert, um sich ein wissenschaftliches Handwerkszeug zu verschaffen, Krankheiten zu erkennen und zu heilen oder zumindest zu lindern. Tatsächlich suchen Patienten in vielen Situationen eine ganz bestimmte Leistung, bei der es darauf ankommt, dass diese den derzeit geltenden Standards entspricht. Axel Braig wandte sich nach Jahren als Orchestermusiker und Allgemeinarzt erst spät noch einem Philosophiestudium zu.
Bei den Naturwissenschaften steht der Erkenntnis an erster Stelle
Der Wissenschaftstheoretiker und Philosoph Wilhelm Dilthey hat in seinem Werk die Methoden von Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften grundsätzlich unterschiedlich beschrieben. Axel Braig erklärt: „Er stellt Naturwissenschaften als Versuch dar, aus verschiedenen Phänomenen allgemein gültige Gesetze zu konstruieren und fasst diesen Vorgang mit dem Begriff des Erkennens zusammen. Für die Methode der Geisteswissenschaften verwendet Dilthey den Begriff des Verstehens, der nicht in erster Linie auf Verallgemeinerungen zielt, sondern nur als ein Verhältnis von lebenden Individuen denkbar sein.“
Dieses Verstehen betrachtet Wilhelm Dilthey nach Nacherleben eines fremden Daseins, wie es sich auf vielfältige Weise in Schrift, Sprache, Gesten, Mimik und Kunst ausdrückt. Er schreibt: „Die Menschheit wäre, aufgefasst in Wahrnehmung und Erkennen, für uns eine physische Tatsache, und sie wäre als solche nur dem naturwissenschaftlichen Erkennen zugänglich. Als Gegenstand der Geisteswissenschaften entsteht sie aber nur, sofern menschliche Zustände erlebt werden, sofern sie in Lebensäußerungen zum Ausdruck gelangen und sofern diese Ausdrücke verstanden werden.“
Die Medizin ist gleichzeitig eine Natur- und eine Geisteswissenschaft
Natur- und Geisteswissenschaften wählten also laut Wilhelm Dilthey auch zu einem bestimmten Phänomen jeweils vollkommen andere Zugänge. Auch wenn Diltheys Unterscheidung heute in der wissenschaftstheoretischen Diskussion nicht ganz unumstritten ist, beschreibt sie Axel Braigs Schwierigkeiten des Umgangs mit vielen Patienten zutreffend: „Einerseits habe ich den Anspruch, diesen entsprechend den neuesten naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu behandeln.“
Axel Braig fährt fort: „Gleichzeitig aber möchte ich ihre konkrete Situation, ihren geistigen Horizont und ihre Befindlichkeiten verstehen und berücksichtigen.“ Medizin ist entsprechend den Definitionen von Wilhelm Dilthey gleichzeitig Natur- und Geisteswissenschaft und führt Axel Braig häufig in Situationen, die nicht mittels einer Logik eindeutig entscheidbar sind. Nur wenn Axel Braig beide Sichtweisen gleichzeitig im Blick behält, kann er gemeinsam mit Patienten konkrete Problemlösungen entwickeln. Ähnliche Fragen bewegten Axel Braig schon in der Zeit, in der er ein Medizinstudium mit dem Ziel begann, Psychoanalytiker zu werden. Quelle: „Über die Sinnen des Lebens und ob es sie gibt“ von Axel Braig
Von Hans Klumbies
