Gesellschaftliche Bedingungen bringen das Triebleben erst hervor

Svenja Flasspöhler scheibt: „Würde Sigmund Freud also in den Genuss heutiger TV-Sendungen kommen, wäre seine Diagnose recht klar: Das Spektakel der Talkshow verdankt sich einer fundamentalen Trieb-Unwucht mit strukturell starker Thanatos-Tendenz.“ Ähnlich fiele seine Analyse digitaler Phänomene aus: Psychoanalytisch gesehen sind Shitstorms nicht anderes als das Resultat einer gelungenen Interaktion zwischen Lustmördern und deren Followern. Allerdings wäre Freud nicht Freud, würde er den Trieb einfach zur Privatsache erklären. Auch ist der Trieb nicht naturgegeben. Gesellschaftliche Bedingungen, Verbote und Imperative bringen das Triebleben in seiner konkreten Form erst hervor; öffentliche Räume und mediale Mechanismen lassen das Pendel in die eine – Eros – oder die anderen – Thanatos – Richtung ausschlagen. Elon Musks Spielwiese freier Rede etwas lebt eindeutig vom Vernichtungswunsch, der Klicks generiert, und gibt der Tötungslust ganz gezielten Raum. Svenja Flasspöhler ist promovierte Philosophin und Chefredakteurin des Philosophie Magazins.

In jedem Menschen wohnt der Todestrieb

Thanatos strebt nach schnellstmöglichem Spannungsabbau: Bei X und Co. findet er die geeignete Plattform, der zerstörerische Affekt kann uns soll sich unmittelbar entladen, um durch Tabubruch Aufmerksamkeit zu erzeugen. Svenja Flasspöhler ergänzt: „Dass dem, der gerade vernichtet wird, nicht in die Augen geschaut werden muss, vereinfacht die Sache: Dem Philosophen Emmanuel Lévinas zufolge ist es das „Antlitz“ eines Gegenübers, das den Tötungswunsch unterbindet, weil es an die Würde, die Verletzlichkeit, die Menschlichkeit des anderen gemahnt.“

In den sozialen Netzwerken existiert dieses Hindernis nicht; und vielleicht sind sie gerade deshalb so beliebt. Svenja Flasspöhler erläutert: „Dass zivilisierte Menschen, die sogar hochsensibilisiert sein mögen, unter bestimmten äußerlichen Bedingungen noch die rudimentärsten Höflichkeitsregeln fahren lassen, ist mit Sigmund Freud leicht erklärbar: Weil in jedem Menschen der Todestrieb wohnt, ist es Aufgabe der Kultur, dieser gewaltsamen Seite in uns Rechnung zu tragen.“

Die Profiteure des Digitalkriegs sind einzig die Konzerne

Meint: Eine Kultur, die nur höchste Sittsamkeit verlangt, dabei aber die in uns allen existente Tötungslust vernachlässigt, bekommt früher oder später die Quittung. Sobald sich ein geeigneter Raum öffnet, entlädt sich der Destruktionswille wie ein Schnellfeuergewehr. Svenja Flasspöhler erklärt: „Sigmund Freud formulierte diese Gedanken vor über einhundert Jahren am Beginn des ersten Weltkrieges, der ihn vor die Frage stellte, warum normale gesittete Bürger plötzlich mit Freude zur Waffe greifen.“

In pazifizierten Gesellschaften wird das Schlachtfeld ins Digitale verlagert. Die Profiteure des Digitalkriegs sind einzig die Konzerne, die sie hervorgebracht haben. Svenja Flasspöhler stellt fest: „Während der digitale Strukturwandel technologisch Thanatos in die Hände spielt, begünstigen Großkrisen im Feld der Meinungen starke Bindungskräfte im Sinne libidinöser Gehorsamkeit.“ Um es in einem Bild zu veranschaulichen: Gerät das Schiffs ins Wanken, ist – ganz im Sinn des Lebenstriebs, der auf Selbsterhaltung zielt – erotische Bindung an Autoritäten gefragt. Quelle: „Streiten“ von Svenja Flasspöhler

Von Hans Klumbies