Geschliffene Bildung trifft auf tiefschwarzen Humor

Denken statt Daten, Diskussionen statt Diagramme, Kultur statt Kulturverweigerung: Der österreichische Philosoph Konrad Paul Liessmann ist der zurzeit gewandteste Anwalt in Sachen Aufklärung, Bildung und Wissen. Schar in der Analyse, provozierend in der Argumentation und rhetorisch geschliffen nimmt der Denker ins Visier, was den Menschen – und damit der Politik – unter den Nägeln brennt. Seine kurzen aber aphoristischen Texte werden in seinem neuen Buch „Die kleine Unbildung. Liessmann für Analphabeten“ kongenial von Nicolaus Mahler in Zeichnungen übersetzt, die zum Nachdenken und Schmunzeln anregen. Den Humor, der da zum Vorschein kommt, lässt sich teilweise als tiefschwarz beschreiben. Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann ist Professor für Methoden der Vermittlung von Philosophie und Ethik an der Universität Wien und wissenschaftlicher Leiter des Philosophicum Lech. Nicolas Mahler lebt und arbeitet als Zeichner und Illustrator in Wien.

Fernsehen führt zu tiefen Depressionen

Ein Zitat aus seinem Buch „Geisterstunde“ stellt Konrad Paul Liessmann an den Anfang der kleinen Unbildung: „Neben der umstrittenen Methode, Schreiben nach dem Gehör zu lernen, zählt der Versuch, die Lesefähigkeit zu steigern, indem man Texte drastisch vereinfacht, zu den problematischsten Strategien einer umfassenden Praxis der Unbildung.“ Der Lesende ist dabei für ihn eine eigentümliche Erscheinung. Er ist da und doch nicht da. Eine Welt entsteht erst dort, wo er ein Buch aufschlägt.

Die Literatur war laut Konrad Paul Liessmann nie eine Sache der Herrschenden gewesen. Die konnten und können bis heute noch nicht richtig lesen. Zu diesem Zweck hatte man sich seit alters her Schreibsklaven, Vorleser, Sekretäre und Pressereferenten gehalten. Bücher können seiner Meinung nach zu Begleitern, zu Freunden, aber auch zu Feinden werden. In der heutigen Kultur erkennt Konrad Paul Liessmann nur die Verweigerung des Kulturellen. Zum Fernsehen sagt der Autor folgendes: „Mit Homer, Shakespeare und Goethe im Kopf kann man keine fünf Minuten Fernsehen, ohne nicht in tiefe Depressionen zu verfallen.“

Das Nützliche ist der Feind der Musen

Den Kulturpessimisten hat Nicolas Mahler an einem roten „f“, das als Galgen dient, aufgehängt. Es handelt sich dabei hoffentlich nicht um Konrad Paul Liessmann, der kritisiert: „Das aktuelle Glücksversprechen der Bildung ist ein falsches, weil es dabei weder um Bildung noch um Glück geht. Es geht, wenn überhaupt, um Abrichtung, Anpassung und Zufriedenheit durch Konsum.“ Wissen lässt sich viel, und ob dieses Wissen unnütz ist, entscheidet sich nie im Moment der Herstellung oder der Aufnahme des Wissens. Ob Wissen nützen kann, ist nie eine Frage des Wissens selbst, sondern der Situation, in die man gerät.

Die Flucht vor der Langeweile ist die Mutter der Künste. Das wusste schon Friedrich Nietzsche. Die Geburtsstunde der Kultur ist auch die der Fantasie, der Fiktion, der Literatur, der Kunst. Und diese ist ein Privileg der Schwachen. Kultur ist auch das Unberechenbare, das Unzweckmäßige und Zweckfreie. Kultur ist also das, was ein Mensch tut, wenn er scheinbar nichts zu tun hat. Dabei haben die Musen einen einzigen Feind, dem sie nicht gewachsen sind – das Nützliche. Ob es sich bei der kleinen Unbildung um etwas Nützliches handelt, darüber lässt sich trefflich streiten. Eines ist sie auf jeden Fall: ein Lesegenuss.

Die kleine Unbildung
Liessmann für Analphabeten
Konrad Paul Liessmann
Gezeichnet von Mahler
Verlag: Zsolnay
Gebundene Ausgabe: 104 Seiten, Auflage: 2018
ISBN: 978-3-552-05912-2, 16,00 Euro

Von Hans Klumbies

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