Gene und Umwelt prägen die Intelligenz

Die Psychologie als Wissenschaft beschäftigt sich mit dem Erleben und dem Verhalten von Menschen. Jakob Pietschnig ergänzt: „Die Frage, ob in diesem Erleben oder Verhalten systematische Unterschiede den Einflüssen der Umwelt oder vielmehr der Anlage selbst geschuldet sind, versucht die Differenzielle Psychologie zu beantworten. Zu ihren wichtigsten Untersuchungsthemen gehört unter anderem die Intelligenzforschung.“ Die Ausprägung der Intelligenz – so wie jedes andere psychische und physische Merkmal hängt ausschließlich von zwei Ursachen ab: von den Genen – also der Anlage – und der Umwelt. Beide Komponenten gibt es natürlich in vielen Varianten. Zum Beispiel als dominant-rezessive oder intermediäre Vererbungsprozesse im Fall der Anlage beziehungsweise der elterlichen Unterstützung, Schule, Wohnsituation oder Interessen der engsten Freunde im Fall der Umwelt. Jakob Pietschnig lehrt Differenzielle Psychologie und Psychologische Diagnostik an der Universität Wien.

Passende Buchempfehlung:

Intelligenz

Auf Amazon ansehen

Zwillinge eignen sich bestens für die Intelligenzforschung

Das Prinzip der Schätzung des Grades an Erblichkeit beruht auf der simplen, aber zugleich brillanten Idee, die genetische (Un-) Ähnlichkeit verschiedener Verwandtschaftsbeziehungen zu nutzen, um Klarheit über die Einflüsse von Anlage versus Umwelt zu bekommen. Jakob Pietschnig weiß: „Die besten Ergebnisse erhält man bei direktem Vergleich der Leistungen von eineiigen und zweieiigen Zwillingen. Eineiige Zwillinge sind genetisch identisch.“ Wenn diese Zwillinge, wie allgemein üblich, im gleichen Elternhaus aufwachsen, leben sie unter gleichen Bedingungen.

Das heißt, sie bekommen die gleiche elterliche Erziehung, essen meistens gemeinsam zu Abend, machen Ausflüge miteinander oder besuchen sogar die gleiche Schule. Ähnlich verhält es sich mit zweieiigen Zwillingen, wenngleich hier auch nur eine 50-prozentige genetische Übereinstimmung der genetischen Voraussetzungen gegeben ist. Jakob Pietschnig fügt hinzu: „Es gibt aber auch Erfahrungen, die jeder Zwilling – egal ob eineiig oder zweieiig – für sich allein macht, wenn der andere Zwilling gerade aus verschiedenen Gründen nicht anwesend ist – das ist die sogenannte einzigartige Umwelt.“

Mehr als 50 Prozent der Intelligenz bestimmen die Gene

Betrachtet man die Ergebnisse der MISTRA-Studie (Minnesota Study of Twins Reared Apart), so kann man davon ausgehen, dass die Erblichkeit von Intelligenz zumindest 50 Prozent, aller Wahrscheinlichkeit nach aber wesentlich mehr ausmacht. Schätzungen aus anderen Zwillingsstudien scheinen mit diesen Ergebnissen konform und ordnen die Erblichkeit von Intelligenz im Bereich zwischen 48 und 82 Prozent ein. Jakob Pietschnig erklärt: „Obwohl die Spannweite zwischen diesen beiden Werten hoch ist, zeigt sich doch eindrucksvoll, dass sich selbst aufgrund der niedrigsten Schätzungen kaum weniger als eine 50-prozentige Erblichkeit von Intelligenz zeigt.“

Von einem humanistischen Standpunkt aus gesehen, ist das für Jakob Pietschnig eine gute Nachricht. Aus ihr lässt sich schließen, dass die kognitive Fähigkeitsentwicklung eines Menschen nicht hauptsächlich von äußere Faktoren wie Schulgeld, Bildungshintergrund der Eltern oder einflussreichen Bekannten abhängt. Man kann also davon ausgehen, dass sich 50 Prozent der Intelligenz durch Erblichkeit erklären lässt. Man weiß aber noch nicht genau, welche Gene das sind. Quelle: „Intelligenz“ von Jakob Pietschnig

Von Hans Klumbies

Schreibe einen Kommentar