Für Protagoras ist Bildung eine elementare Angelegenheit

Sarah Bakewell erläutert: „Um neue Schüler zu gewinnen, erzählte Protagoras eine Geschichte, die zeigen sollte, warum Bildung elementar ist. Am Anfang, so sagte er, besaßen die Menschen keine besonderen Fähigkeiten.“ Das änderte sich, als die Titanen Prometheus und Epimetheus den Göttern das Feuer stahlen. Die Menschen lernten die Kunst des Ackerbaus, des Nähens, der Sprachfertigkeit und sogar der Religionsausübung. Der Mythos des Diebstahls des Feuers durch Prometheus und seine Bestrafung wurde oft erzählt. Aber die Version von Protagoras enthält eine neue Wendung. Als Zeus sieht, was geschehen ist, fügt er ein zusätzliches Geschenk hinzu. Nämlich die Fähigkeit, Freundschaften zu schließen und andere soziale Bindungen zu knüpfen. Sarah Bakewell lebt als Schriftstellerin in London, wo sie Creative Writing an der City University lehrt und für den National Trust seltene Bücher katalogisiert.

Cicero schrieb über die menschliche Vortrefflichkeit

Nun können die Menschen zusammenarbeiten. Aber noch besitzen sie lediglich die Fähigkeit dazu – es ist eine Saat, die erst aufgehen muss. Sarah Bakewell ergänzt: „Um ein blühendes und verwaltetes Gemeinwesen zu entwickeln, müssen sie die Saat zum Wachsen bringen, indem sie Fertigkeiten erlernen, die sie einander beibringen. Das ist etwas, dass wir selbst in die Hand nehmen müssen. Die Gaben, mit denen wir beschenkt wurden, sind nichts wert, wenn wir nicht herausfinden, wie wir sie gemeinsam nutzen können.“

Der Liebe der Humanisten zur Bildung liegt ein großer Optimismus hinsichtlich ihres Nutzens für die Menschen zugrunde. Sie sind fürs Erste schon ganz gut, aber sie können noch besser werden. Sie können auf ihre bisherigen Leistungen aufbauen – und sich gleichzeitig an dem erfreuen, was sie schon erreicht haben. Sarah Bakewell weiß: „Und so wurde das Lob der menschlichen Vortrefflichkeit ein beliebtes Genre der humanistischen Literatur. Der römische Staatsmann Cicero schrieb in seinem Dialog „De natura deorum“ einen Abschnitt über die menschliche Vortrefflichkeit, und andere folgten seinem Beispiel.“

Giannozzo Manetti feiert die sinnlichen Genüsse des Lebens

Einen Höhepunkt erreichte das Genre in Italien mit Werken wie „Über die Würde und Erhabenheit des Menschen“. Es verfasste der Diplomat, Historiker Biograph und Übersetzer Giannozzo Manetti in den 1450er Jahren. Sarah Bakewell zitiert: „Seht nur, sagt Manetti, was wir Menschen an Schönem geschaffen haben. Seht euch unsere Bauwerke an, von den Pyramiden bis zu Filippo Brunelleschis Kuppel des Doms von Florenz und zu den vergoldeten Bronzetüren des Baptisteriums gleich gegenüber.“

Oder die Malerei Giottos, die Dichtung Homers und Vergils oder die Geschichten Herodots und anderer. Ganz zu schweigen von den Philosophen, welche die Natur erforscht haben, von den Ärzten oder von Archimedes, der die Bewegungen der Planeten studiert hat. Sarah Bakewell erklärt: „Manetti feiert die sinnlichen Freuden des Lebens, aber auch die subtileren Genüsse, die sich aus der vollständigen Nutzung unserer geistigen und spirituellen Fähigkeiten ergeben.“ Quelle: „Wie man Mensch wird“ von Sarah Bakewell

Von Hans Klumbies

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