Sokrates vertritt einen menschheitlichen, einen humanen Grundsatz, welcher der Politik generell zugrunde liegt. Volker Gerhardt erklärt: „Das Beispiel des Sokrates vertieft dieses Verständnis und macht klar, dass die Demokratie immer auch eine Gemeinschaft selbstbewusster Einzelner ist, die nicht nur mit ihrem Verstand und ihrer Urteilskraft, sondern auch mit ihrem Herzen dabei sein müssen und immer auch bereit sein müssen, mutig für die gemeinsame Sache einzutreten.“ Im Prozess gegen ihn zeigt Sokrates nicht nur die Unerschrockenheit vor dem Urteil der Menge, das sich die Richter zu eigen gemacht haben, sondern er gibt ein Beispiel für die persönliche Freiheit, die er ohne Rücksicht auf den Ausgang des Verfahrens für sich in Anspruch nimmt. Volker Gerhardt lehrte bis 2012 als Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Dort ist er auch weiterhin als Seniorprofessor tätig.
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Passende Bücher bei Amazon findenDie Athener Bürger müssen die Gesetze befolgen
Selbst in seinem Schlusswort lässt Sokrates sich durch das Todesurteil seine freie Meinung nicht nehmen. Volker Gerhardt ergänzt: „Und als ihm sein Anhänger Kriton, während der Todeskandidat im Gefängnis auf die Vollstreckung des Urteils warte, eine mit Wissen der bestechlichen Wärter gefahrlos zu gewältigende Flucht nahelegt, lehnt Sokrates die Vorschlag rundherum ab.“ Er verweist auf die für jeden Athener Bürger geltende Pflicht zur Befolgung der Gesetze.
Die Begründung des Sokrates wird gelegentlich als wohlfeiler Heroismus beargwöhnt – ein Verdacht, den man schwerlich zurückweisen könnte, wenn Sokrates sich nicht mit einer übermenschlich erscheinenden Konsequenz an seine Weigerung zu fliehen gehalten hätte. Volker Gerhardt stellt fest: „Formal ist sein Argument zwingend: Das ihm von den Richtern angetane Unrecht dürfe, nachdem es einmal rechtskräftig sei, nicht durch neues Unrecht vergolten werden.“ Dabei geht Sokrates davon aus, dass seine politische Freiheit nicht in der Ausübung seiner persönlichen Willkür liegt, sondern in einem Handeln nach Gründen; und die sind ihm als Bürger Athens durch die Gesetze der Stadt vorgegeben.
Die Gesetze haben ihren Ursprung in der „polis“
Also würde Sokrates in Widerspruch zu sich selbst geraten, wenn er die Freiheit dazu nutzen würde, unter Berufung auf seine persönlichen Ansprüche die Gesetze zu brechen. Volker Gerhardt erläutert: „Die existenzielle Zumutung in dieser Haltung ist offensichtlich. Aber das Todesurteil, so fragwürdig es auch menschenrechtlichen Gründen auch ist, war damals zulässig und hatte als rechtskräftig zu gelten.“ Also kann man die Haltung des Sokrates zumindest philosophisch nicht tadeln.
Denn er legt mit seinem Verhalten den inneren Zusammenhang von Freiheit und Gesetzlichkeit frei, der dann gegeben ist, wenn in den Gesetzen der allgemeine Wille des Volkes zum Ausdruck kommt. Volker Gerhardt betont: „Deshalb ist es nicht unerheblich, wenn Platon in seiner Begründung auch hervorhebt, dass die Gesetze ihren Ursprung in der „polis“ haben und für die Menschen gemacht sind, die ihnen zu folgen haben.“ Sokrates gibt somit auch hier ein Beispiel für das exemplarische Verhalten eines Bürgers in der Demokratie. Quelle: „Individuum und Menschheit“ von Volker Gerhardt
Von Hans Klumbies
