Einigen Menschen kam der Aufbruch in das digitale Zeitalter wie die Französische Revolution von 1789 vor, nur ohne Blut. Gerd Gigerenzer ergänzt: „Anderen wie das Jahr 1989, als die Bevölkerung der DDR ein Regime stürzte, das die Medien kontrollierte und seine Bürger überwachte. Zwanzig Jahre später, als eine Welle von Demonstrationen den Nahen Osten und Nordafrika überzog, begannen die sozialen Medien tatsächlich eine wichtige Rolle bei der Koordination der öffentlichen Proteste zu spielen.“ Der Arabische Frühling entfachte eine neue Begeisterung für die befreienden Kräfte des Internets. Jeder kann alles wissen. Geheimnis ist ein Wort, das der Vergangenheit angehört. Für alle Menschen ist ungehinderter Zugang zum Wissen möglich. Gerd Gigerenzer ist ein weltweit renommierter Psychologe. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat Gigerenzer als einen der hundert einflussreichsten Denker der Welt bezeichnet.
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Auf Amazon ansehenEinst war das Internet der große Traum von Freiheit
Die Welt wird wie die Wissenschaft in ihrer idealen Form sein, anders als Politik und Marketing, frei von Zensur und Profitinteressen – oder sogar noch freier als die Wissenschaft, in der eine Handvoll von Verlagen völlig überhöhte Gebühren für den offenen Zugriff auf Artikel verlangt. Gerd Gigerenzer blickt zurück: „Es gab einmal eine Zeit, da war das Internet der große Traum von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Mit Mitte zwanzig hatten Sergey Brin und Larry Page, die jungen Gründer von Google, eine ähnliche Vision.“
Sie kritisierten 1998 andere Suchmaschinen, die sich mit Werbung finanzierten, weil Werbeeinnahmen die Reihenfolge der Einträge verzerren. In ihren eigenen Worten: „Werbefinanzierte Suchmaschinen werden sich immer eher von den Wünschen der Werbekunden als von den Bedürfnissen der Konsumenten leiten lassen.“ Daher ist die Existenz einer „konkurrenzfähigen Suchmaschine, die transparent und wissenschaftlich ausgerichtet ist, von entscheidender Bedeutung“.
Google perfektionierte den sogenannten „Überwachungskapitalismus“
Als die Dot-com-Krise Silicon Valley im Jahr 2000 heimsuchte, viele Start-ups aufgeben mussten und Googles Website immer gefragter wurde, setzten die wichtigsten Risikokapitalgeber die Gründer von Google unter Druck. Gerd Gigerenzer weiß: „Schließlich knickten Brin und Page ein, vollzogen eine Kehrtwende um 180 Grad und entwickelten ein Geschäftsmodell, dessen Algorithmen heute zu den bestgehüteten Geheimnissen in der Welt gehören.“
Gemäß der christlichen Terminologie könnte man diese Hinwendung zu einem werbefinanzierten Geschäftsmodell die „Erbsünde“ des Internets nennen. Gerd Gigerenzer erläutert: „Aber nicht Brin und Page, sondern die Nutzer wurden aus dem Paradies des Wissens vertrieben und zu Objekten der Überwachung gemacht. Im Paradies wurde dafür Platz für Googles neue Kunden geschaffen, die Unternehmen, die für gezielte, personalisierte Anzeigen zahlen.“ Eine Dienstleistung im Tausch für persönliche Daten, ist eine neue Wirtschaftsform, der sogenannte „Überwachungskapitalismus“. Er wurde von Google perfektioniert und von Facebook und anderen nachgeahmt. Quelle: „Klick“ von Gerd Gigerenzer
Von Hans Klumbies
