Fritz Breithaupt stellt fest: „Menschen machen bessere Vorhersagen innerhalb einer Episode beziehungsweise innerhalb einer Situation im Vergleich zu Vorhersagen über mehrere Situationen hinweg. Das deutet darauf hin, dass die möglichen Ereignisse innerhalb einer Episode als kohärent oder passend verstanden werden.“ Diese Vorhersehbarkeit könnte allerdings auch ein Effekt der erhöhten Aufmerksamkeit auf die Dinge in einem Ereignisraum sein und muss sich nicht unbedingt der erhöhten Kohärenz verdanken. Sie kann möglicherweise sogar umgedreht erklärt werden: Die deutlich vorhersehbaren Ereignisse gehören in einen Ereignisraum, während die weniger vorhersehbaren Ereignisse in einen anderen Ereignisraum abgeschoben werden und also durch eine Grenze markiert werden. Durch die Grenzen werden Ereignissräume abgesteckt, über die man aktuell Wissen hat, während das Ungewisse nach außen exportiert wird. Fritz Breithaupt ist Professor für Kognitionswissenschaften und Germanistik an der Indiana University in Bloomington.
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Passende Bücher bei Amazon findenWissen kann in bestimmten Fällen hohe Relevanz erlangen
„Out of sight, out of mind“, sagt man auf Englisch. Dieses je größere oder geringere Wissen ist banal in Alltagssituationen, kann aber in bestimmten Fällen auch hohe Relevanz erlangen. Fritz Breithaupt erklärt: „Etwa kann uns das Nicht-Wissen zu Bewusstsein kommen, wenn wir über die Ungewissheit der Zukunft reflektieren.“ Was also macht die Geschlossenheit eines Ereignisraumes aus? In vielen Fällen handelt es sich um räumliche Einheiten von Ereignissen an einem Ort und zu einer gewissen Zeit.
Die Segmentierung erfolgt hier also tatsächlich an der Grenze oder Passage von einem Ort zum nächsten, meist anhand sehr kleiner Zeiträume. Fritz Breithaupt fügt hinzu: „Interessanter für Narrationen wird es nun, wenn man abgeschlossene Episoden hinzunimmt und dabei auf eine höhere Ebene springt als die der basalen Alltagshandlungen.“ Dort zeigt sich, dass das Ende nicht sofort Teil von Ereignisräumen oder segmentierten Kurzperioden ist. Ein Mensch drängelt sich vor, um Karriere zu machen, die Tat ist abgeschlossen – doch man wartet darauf, ob es dafür eine Strafe gibt oder nicht.
Abgeschlossenheit und Offenheit dienen der mentalen Orientierung
Jemand ist verliebt, es gibt einen Blickwechsel, doch niemand weiß, wie es in den kommenden Tagen weitergeht. Fritz Breithaupt erläutert: „In derartigen Fällen gibt es Erwartungen, die aus den Handlungen und unseren Hoffnungen resultieren, die aber nicht in einer einzelnen Episode eingelöst werden. Offensichtlich spielen unsere Interpretationen von dem, was in einer Episode passiert, eine große Rolle in der Steuerung der Erwartung. Wir leisten intellektuelle Arbeit, um eine Episode als abgeschlossen oder als unabgeschlossen zu beurteilen.“
Abgeschlossenheit und Offenheit werden erlernt und spielen eine wichtige Rolle in unserer mentalen Orientierung. Fritz Breithaupt weiß: „Wenn man vergangene Episoden aufruft, wird der gesamte Ereignisraum wieder zugänglich. Dabei kann es zu Irrtümern und falschen Erinnerungen kommen, da nur scheinbar Passendes schlicht ergänzt wird.“ Vielleicht setzt sich auch das Bewusstsein aus solchen Episoden zusammen. Die zentrale Frage, die sich nur aus Sicht des narrativen Denkens stellt, ist, wie derartige Grenzen gezogen werden. Quelle: „Das narrative Gehirn“ von Fritz Breithaupt
Von Hans Klumbies
