Fortschritt scheint mit Glück und Lebensqualität verbunden zu sein

Der Psychologe Steven Pinker schreibt: „Glück ist besser als Leid. Gelegenheiten, Familie, Freunde, Kultur und Natur zu genießen, sind besser als Schufterei und Monotonie.“ Gebe es von all diesen Errungenschaften mehr, also mehr Wissen, Glück und Lebensqualität, dann sei das Fortschritt. Petra Pinzler hat daran ihre Zweifel: „Klingt überzeugend. Nur, so recht der Mann mit seiner Aufzählung hat, so geschickt umschifft er doch die Untiefen und drückt sich vor den entscheidenden Fragen: Wie müssen die Menschen mit der Welt umgehen, damit diese Ziele noch erreicht werden können? Welche Bedingungen müssen geschaffen werden, damit sie auch dauerhaft existieren? Und wie will man das Ganze eigentlich messen, um Erfolge oder Misserfolge zu dokumentieren?“ Petra Pinzler arbeitet als Hauptstadtkorrespondentin der Wochenzeitung „Die Zeit“. Sie schreibt zudem Bücher über Wirtschaft, Umwelt und Klimaschutz.

Fortschritt ist die Erreichung einer höheren Stufe der Entwicklung

Bei den Antworten hilft eine kurze Definition aus dem Oxford Dictionary. Dort steht, Fortschritt sei „eine positiv bewertete Weiterentwicklung, Erreichung einer höheren Stufe der Entwicklung.“ Petra Pinzler erklärt: „Tatsächlich fasst der Begriff der „Entwicklung“ ganz gut, worum es beim Fortschritt wirklich geht. Darum, dass Menschen gut leben können. Vielleicht sollte man Fortschritt also – in einer ersten Annäherung – ganz einfach als etwas beschreiben, das die Gegenwart für die Menschen besser macht als die Vergangenheit, und das Versprechen auf eine lebenswerte Zukunft in sich trägt.“

Etwas, das Menschen unveräußerliche Rechte, Freiheit und Frieden garantiert und die Überlebenschancen der kommenden Generationen nicht ruiniert. Petra Pinzler stellt fest: „Es gibt viele Regale voller Bücher, die auch den Entwicklungsbegriff problematisieren, weil in ihm implizit mitschwingt: Wir im Westen leben in einem entwickelten Land mit kultivierten Menschen, viele Menschen in Afrika in „unterentwickelten“ Ländern.“ Tatsächlich hat sich diese Sicht auf die Welt in mancherlei Hinsicht als ziemlich eurozentrisch entpuppt.

Menschrechte und Demokratie haben ihren Ursprung in Europa

Zwar haben die Demokratie und auch die Menschenrechte ihren Ursprung durchaus in Europa – und sie sind ein Geschenk an die ganze Menschheit. Petra Pinzler kritisiert: „Doch noch im 19. Jahrhundert, während im „entwickelten“ Großbritannien schon lange die Demokratie herrschte, brandschatzten beispielsweise die Briten das Königreich Benin, das auf dem Gebiet des heutigen Nigerias lag, zerstörten den Königspalast und raubten Tausende von Kunstwerken.“

Ohne Sklaverei, ohne Kautschuk aus Amazonien, Kupfer aus Peru, also ohne die Ausbeutung des Südens, wäre auch die Entwicklung im Rest Europas nicht halb so dynamische gewesen. Petra Pinzler erläutert: „Dependenztheoretiker wie der brasilianische Soziologe und spätere Präsident Fernando Henrique Cardoso oder der deutsche Politologe Dieter Senghaas haben auf die düsteren Teile der menschlichen Entwicklungsgeschichte immer wieder hingewiesen, darauf, wie auch vermeintlich so zivilisierte Nationen anderswo wüteten.“ Quelle: „Hat das Zukunft oder kann das weg?“ von Petra Pinzler

Von Hans Klumbies