Florence Gaub empfiehlt in ihrem Buch „Szenario“ ihren Lesern, die Zukunft durch eigenen Entscheidungen mit zu gestalten. Diese haben zwar keine Exekutivgewalt, keine Truppen, keine Satellitenflotten. Aber was ihnen zur Verfügung steht, sind Muster, Daten, Erfahrung – und ein Gefühl für Dynamik. Florence Gaub betont: „Die Zukunft ist das Ergebnis von nachvollziehbaren Entwicklungen und Entscheidungen, nicht ein mystisches Zusammenspiel unergründlicher Mechanismen.“ Zu behaupten, was wisse genau, was da komme, ist so falsch die die Horoskope der Babylonier. Der einzige Weg, diese scheinbare Unordnung der Zukunft greifbarer zu machen, sind Szenarien, das Durchdenken von Handlungsketten und Dominoeffekten in alle Richtungen, von wahrscheinlich bis unwahrscheinlich, von wünschenswert bis katastrophal. Dr. Florence Gaub ist Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin. Sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich am NATO Defense College in Rom.
Die Zukunftsforschung will die großen Linien und Zusammenhänge erkennen
Ein Szenario in der Zukunftsforschung ist ein Werk der Improvisation, es geht nie darum, alles haargenau zu beschreiben und festzulegen, sondern die großen Linien und Zusammenhänge zu erkennen und mit ihnen zu spielen. In der Zukunftsforschung hat das drei Effekte: Erstens reduziert man die scheinbare Unendlichkeit von Möglichkeiten auf einige wenige. Zweitens macht es einem den eigenen Handlungsspielraum bewusst. Und drittens schafft man damit eine Erinnerung an die Zukunft – wenn eines der Szenarien eintritt, kann man schneller reagieren, weil man es ja schon kennt.
Abschnitt 12 handelt vom amerikanischen Erwachen und spielt im Jahr 2030. Nach Jahren der Vernachlässigung erkennt Washington die Arktisbedrohung, ist aber ohne klaren Plan. Amerika kämpft an zu vielen Fronten gleichzeitig – Ukraine, Taiwan, jetzt auch in der Arktis. US-Geheimdienste bestätigen koordinierte chinesisch-russische Arktisstrategie. Amerika braucht Europa als Partner, aber Europa ist gespalten und traumatisiert vom Krieg in der Ukraine. Die transatlantische Koordination könnte entscheidend werden, wenn Europa und Amerika noch Zeit haben, ihre Strategien abzustimmen.
Eine strategische Stabilität zeichnet sich durch drei Elemente aus
Im Abschnitt 44 im Jahr 2031 geht es um die dänische Arktispolitik. Laut OECD überweist Dänemark jährlich 3,9 Milliarden Kronen nach Grönland, das entspricht 67.000 Kronen pro Einwohner. Zum Vergleich: Das dänische Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 62.000 Kronen. Denn Grönland ist ein strategischer Stützpunkt für Dänemark, aber auch für die USA. Auch deshalb interessiert China sich dafür, aber bislang erfolglos. Seit 2025 hat Dänemark 47 chinesische Investitionsprojekt in Grönland verhindert.
Es gibt drei Elemente für eine strategische Stabilität. Diese besteht aus militärischer Kapazität – und zwar nicht nur für einen territorialen Angriff im Baltikum, sondern auch für andere, gefährliche Szenarien wie in der Arktis oder aus dem All –, einer akkuraten Bedrohungswahrnehmung und nicht zuletzt aus dem Verständnis der Gegenseite. Das ist unumgänglich, um Missverständnisse so weit es geht auszuräumen, denn die könnten in so einer Situation lebensbedrohlich sein. Verständnis heißt hier nicht Empathie, sondern Regionalexpertise und relevante Kontakte.
Szenario
Die Zukunft steht auf dem Spiel
Florence Gaub
Verlag: dtv
Gebundene Ausgabe: 507 Seiten, 4. Auflage: 2025
ISBN: 978-3-423-28527-8, 25,00 Euro
Von Hans Klumbies
