Finanzieller Wohlstand besitzt keinen Substanzwert

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, will Ray Dalio Wohlstand als Kaufkraft bezeichnen – im Unterschied zu Geld und Kredit. Diese Unterscheidung ist wesentlich, weil sich der Welt von Geld und Kredit verändert. Werden beispielsweise viel Geld und Kredit geschaffen, sinkt deren Wert. Wer mehr Geld hat, besitzt daher nicht unbedingt mehr Wohlstand oder Kaufkraft. Unter Realvermögen versteh Ray Dalio die Dinge, die Menschen erwerben, weil sie sie haben wollen und nutzen – wie ein Haus, ein Auto, einen Video-Streaming-Dienst und so weiter. Realvermögen hat also einen Substanzwert. Finanzieller Wohlstand dagegen setzt sich aus finanziellen Vermögenwerten zusammen, die gehalten werden, um künftig laufende Erträge zu erwirtschaften und/oder künftig veräußert zu werden, um sich Geld zu beschaffen und damit die Realwerte zu kaufen, welche die Menschen haben wollen. Finanzieller Wohlstand besitzt keinen Substanzwert. Ray Dalio ist Gründer von Bridgewater Associates, dem weltgrößten Hedgefonds. Er gehört mit zu den einflussreichsten Menschen der Welt.

Investitionen sind ein Frühindikator für Wohlstand

Auf lange Sicht ergeben sich Wohlstand und Kaufkraft daraus, wie produktiv ein Mensch ist. Der Grund dafür: Realvermögen überdauert nicht, und Erbe ebenso wenig. Ray Dalio betont: „Aus diesem Grund ist es so wichtig, immer produktiv zu sein. Ein Blick auf Gesellschaften, welche die Reichen enteignet und versucht haben, von deren Vermögen zu leben, ohne produktiv zu sein – wie Russland nach der Revolution von 1917 –, offenbart, dass sich nach kürzester Zeit verarmen.“

Je weniger produktiv eine Gesellschaft ist, desto weniger wohlhabend ist sie – und entsprechend geringer ist auch ihr Einfluss. Ray Dalio weiß: „Wird Geld für Investitionen und Infrastruktur ausgegeben statt für den Konsum, so führt das übrigens zu höherer Produktivität. Investitionen sind daher ein aussagekräftiger Frühindikator für Wohlstand.“ Wohlstand bedeutet Macht. Das liegt an folgendem Umstand: Wer genug Vermögen besitzt, kann sich fast alles kaufen – physische Besitztümer, die Arbeitsleistung und Loyalität anderer, Bildung, Gesundheitsversorgung, Einfluss aller Art wie politischer, militärischer et cetera und vieles mehr.

Wohlstand und Macht befördern einander

Im Zeitverlauf und länderübergreifend zeigt die Geschichte, dass zwischen den Wohlhabenden und den politisch Einflussreichen eine symbiotische Beziehung besteht und dass ihre Arrangements untereinander die herrschende Ordnung bestimmen. Ray Dalio ergänzt: „Diese herrschende Ordnung besteht, bis die Herrschenden von anderen gestürzt werden, die Wohlstand und Macht für sich beanspruchen.“ Wohlstand und Macht befördern einander.

Ray Dalio nennt ein Beispiel: „So brachte die British East India Company 1717 effektiv Finanzkapital, Menschen mit Geschäftssinn und Menschen mit militärischen Fähigkeiten zusammen, um Indiens Mogul-Kaiser zu zwingen, mit ihr Handel zu treiben.“ Das war der erste Schritt hin zur Kolonisierung Indiens durch die Briten, zum Niedergang des Mogulreichs im 18. Jahrhundert und schließlich zu dessen kompletten Zusammenbruch im 19. Jahrhundert, als die Briten den Kaiser nach dem indischen Aufstand 1857 verbannten und seine Kinder hinrichten ließen. Das taten die Briten, weil sie im Streben nach mehr Wohlstand und Macht das Vermögen und die Macht dazu hatten. Quelle: „Weltordnung im Wandel“ von Ray Dalio

Von Hans Klumbies