Literatur muss den Leser berühren

Ferdinand von Schirach hat Jura studiert, weil er glaubte, ein bürgerliches Leben könnte ihm Halt geben. Er hat immer gewartet, ohne zu wissen, worauf. Erst als er wieder schreiben konnte, verstand er, dass es genau das war: das Schreiben. Das ist die ganze Geschichte. Das Schreiben ist seiner Meinung nach nicht aufregend oder romantisch: „Ich sitze vor dem Laptop, rauche, trinke Kaffee und schreibe. Drei Stunden am Vormittag. Man sollte sich vorher duschen, rasieren und ordentlich anziehen, sonst schreibt man Bademantelliteratur.“ Für Ferdinand von Schirach ist es schwieriger über sich selbst als über Erfundenes zu schreiben. Die Wahrheit kann ohnehin niemand erzählen. Ferdinand von Schirach verteidigte etwa 700 Mandanten vor Gericht, bevor er zu einem der international erfolgreichsten Romanautoren und Dramatiker Deutschland avancierte.

Die Beschäftigung mit sich selbst führt in den Abgrund

Nichts woran man sich erinnert, ist objektiv. Man muss aber wahrhaftig schreiben. Und dabei kann man sich schrecklich verletzen. Ferdinand von Schirach schreibt an jedem Tag des Jahres, auch an Weinachten und an seinem Geburtstag. Er macht das, weil es sein Beruf ist: „Oft ist das Schreiben anstrengend. Die Geschichte kommt nicht voran, die Figuren werden nicht lebendig. Alles klingt hohl, blöde und leblos. Trotzdem, das Schreiben ist mein Zuhause. Ich öffne den Laptop und habe drei Stunden in meiner Geschichte.“

Deshalb glaubt Ferdinand von Schirach, dass es vermutlich nicht angenehm ist, mit einem Schriftsteller zusammenleben. Für ihn ist das Schreiben das Wesentliche. Alles andere ist nur die Zeit zwischen den drei Stunden am Schreibtisch. Auf die Frage, ob er etwas Interessantes an sich selbst kennt, antwortet Ferdinand von Schirach: „Die Beschäftigung mit sich selbst führt in den Abgrund. Wenn Sie einmal an Schweigeexerzitien der Jesuiten teilgenommen haben, wissen Sie das. Glauben Sie mir.“

Gute Literatur zeichnet Wahrhaftigkeit aus

Die Amerikanerin Joan Didion schrieb über ihren Verwertungsblick: „Eines sollte man niemals vergessen: Schriftsteller liefern immer jemanden ans Messer.“ Ferdinand von Schirach glaubt, dass das eher für den Journalismus gilt. Auf die Frage, ob er Bücher für die wahre Wirklichkeit der Welt hält, antwortet Ferdinand von Schirach: „Die Welt ist immer reicher und größer, aber Literatur komprimiert, sie macht Dinge klarer, härter, schärfer.“ Die beste Kurzgeschichte, die der Bestsellerautor kennt, ist Ernest Hemingways „Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber“.

Ferdinand von Schirach betont, dass jeder der mit der Absicht schreibt, sein Liebesleid zu lindern, alles falsch macht: „Er benutzt den Schreibtisch als Couch und den Leser als Psychiater. Das funktioniert nicht und ist unverschämt. Es geht um etwas anderes. Wir alle unterscheiden uns nicht sehr. Und deshalb kann das, was Sie schreiben, wenn es wahrhaftig ist, einen anderen berühren. Und das ist auch das einzige Kriterium für Literatur – berührt sie uns oder tut sie das nicht?“ Quelle: Das Magazin der Süddeutschen Zeitung vom 2. September 2022

Von Hans Klumbies

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