Eva von Redecker legt eine Analyse des neuen Faschismus vor

Eva von Redecker legt in ihrem neuen Buch „Dieser Drang nach Härte“ eine Analyse des Faschismus vor, die unserer Zeit gewachsen ist. Es geht ihr dabei nicht darum, sich möglichst weit von den Feiden abzugrenzen, sondern darum, grundlegenden Widerstand gegen den heute um sich greifenden Drang nach Härte zu leisten, der sin in der entfesselten Verteidigung unbedingter Besitzanmaßungen zuspitzt. Erst, wenn wir seine veränderte Gestalt sprachlich greifen können, verstehen wir, wie der gegenwärtige Faschismus vorgeht – und können ihn wirksam bekämpfen. Den Kern des Faschismus bildet eine entfesselte Eigentumslogik. Sein Gegenüber sind keine Menschen, sondern Dinge; seine Feinde sind keine Gegner, sondern Diebe. Eva von Redecker ist Philosophin und freie Autorin. Sie beschäftigt sich mit der Kritischen Theorie, Feminismus und Kapitalismuskritik.

Der heutige Faschismus traut den abartig anderen das Äußerste zu

Dem Faschismus geht es nicht um Schutz vor echten Gefahren, schon gar nicht vor materiellen Verlusten. Es geht um Schutz „gegen die“, denen man das Äußerste zutraut – das Äußerste, das einem selbst nicht aus dem Kopf geht. Die, das sind nicht die irgendwie anderen, sondern die abartig anderen. Die Asozialen, die Arbeitsscheuen, die Ausländer, die Schwulen, die Woken, die Grünen, die mit Trans- und Gender-Gaga. Es sind auch immer wieder die Juden, mit all ihren Decknamen: Globalisten, Eliten, Israelis, Intellektuelle.

Die faschistische Neukonfiguration der antisemitischen, antimuslimischen und misogynen Muster folgt einer speziell modernen Logik, der des Eigentums. Die Konzeption der absoluten Sachherrschaft, die sich im Laufe des Kolonialismus und Kapitalismus herausbildete, inspiriert den heutigen Faschismus. Rassistische und patriarchale Ungleichheit in der Moderne beruht auf Sachherrschaft. In ihr wird das Leben der einen ganz oder zum Teil den Eigentumsanspruch der anderen unterstellt.

Man erkennt den Faschismus an eingeheimster Souveränität und Eigentumsrausch

Die eigentlich faschistische Mobilisierung entsteht im Bezug auf ein Phantasma, die Instanz, den Phantombesitz angeblich angreift: jüdische Globalisten, die Menschenmassen steuern, oder Feministinnen, die Frauen manipulieren und Familien zersetzen. Faschismus ist liquidierende Phantombesitzverteidigung. Er hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll –, und ein Abjekt – das Phantasma, das ausgelöscht werden muss. Der Phantombesitzer verkehrt die Welt, damit sie zu seinen Impulsen passt, und inszeniert sich selbst als Opfer dessen, was er zur fortgesetzten Unterdrückung vorsieht.

Um ihn zu erkennen, brauchen wir einen Begriff des Faschismus. Der hilft zugleich festzustellen, was gar nicht, noch nicht oder nicht mehr faschistisch ist. Eva von Redecker erklärt: „Man erkennt den Faschismus an eingeheimster Souveränität und Eigentumsrausch. Er proklamiert den Ausnahmezustand, um seine Ansprüche, die meist durch vergangene Gewalt vorgezeichnet sind, zu verteidigen.“ Der Faschismus wähnt Feindkontakt, auch wo keiner besteht. Per pathischer Projektion wird eine Bedrohungszustand fingiert, der alle Mittel rechtfertigt.

Dieser Drang nach Härte
Über den neuen Faschismus
Eva von Redecker
Verlag: S. Fischer
Gebundene Ausgabe: 269 Seiten, Auflage: 2026
ISBN: 978-3-10-397724-0, 24,00 Euro

Von Hans Klumbies