Europa strebte nach größerer Unabhängigkeit von den USA

Im Verlauf der 1970er-Jahre hatten die USA unter den Präsidenten Gerald Ford und Jimmy Carter an politischem und wirtschaftlichen Gewicht in der Welt verloren. Das motivierte die europäischen Staaten nach größerer Unabhängigkeit von den USA zu streben. Thomas Mayer erklärt: „Das, und der Wunsch, ein politisch instabiles Italien, das großes Interesse am Kommunismus zeigte, fester in die europäischen Strukturen einzubinden, veranlassten die deutschen Kanzler Helmut Schmidt und den französischen Präsidenten Valéry Giscard d´Estaing zu einem erneuten Vorstoß in Richtung europäischer Währungsintegration.“ Auf der Grundlage eines Planes, den die Europäische Kommission unter Leitung von Roy Jenkins erarbeitet hatte, beschloss der Europäische Rat auf seiner Tagung in Bremen, ein Europäisches Währungssystem (EWS) zu schaffen, das offiziell im März 1979 in Kraft trat. Thomas Mayer ist promovierter Ökonom und ausgewiesener Finanzexperte. Seit 2014 ist er Leiter der Denkfabrik Flossbach von Storch Research Institute.

Die Geldpolitik Deutschlands war auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten

In der Schlange war Deutschland das dominierende Land gewesen, dessen Geldpolitik auf die eigenen Bedürfnisse zugeschnitten war; es stellte somit einen monetären Anker für kleinere Länder dar, die das Ziel verfolgten, den Wechselkurs ihrer Währungen im Bezug auf die D-Mark stabil zu halten. Thomas Mayer ergänzt: „Für Frankreich und andere bedeutende Mitglieder des EWS war dieses Ungleichgewicht nicht akzeptabel. Länder, die fanden, dass die Währungsschlange gut funktioniert hatte, wollten deren Struktur jedoch in das neue Europäische Währungssystem hinüberretten.“

Wie so häufig in der Europapolitik wurden die unterschiedlichsten Positionen unter einen Hut gequetscht. Das Europäische Währungssystem wurde als Matrix bilateraler Wechselkurse konstruiert. Thomas Mayer erläutert: „Mit Ausnahme Italiens, dem eine Schwankungsbreite von plus / minus sechs Prozent zugestanden wurde, sollte die Währungen mit einer maximalen Schwankungsbreite von plus / minus 2,25 Prozent um einen Mittelkurs herum stabil gehalten werden.“

Das EWS entwickelte sich nicht zu einem symmetrischen Konstrukt

Gleichzeitig wurden die Wechselkurse der verschiedenen Landeswährungen gegenüber einer gemeinsamen Recheneinheit, dem ECU, festgelegt. Einerseits konnte man dieses Akronym, also die Abkürzung für „European Currency Unit“, verstehen. Andererseits konnte man damit auch die über Jahrhunderte gebräuchlichen französischen Gold- und Silbermünzen écu assoziieren. Thomas Mayer weiß: „Die Recheneinheit war als Korb aus allen am EWS teilnehmenden Währungen definiert, wobei die Währungen unterschiedlich gewichtet wurden.“

Frankreich musste enttäuscht erkennen, dass sich das EWS zur Währungsschlange mit der D-Mark als Leitwährung entwickelte und nicht zu dem symmetrischen Konstrukt, das seine Politiker zur Aufwertung ihres Einflusses angestrebt hatten. In ihrer Analyse der Entwicklungen bis in die führen 1990er-Jahre kommen Daniel Gros und Niels Thygesen zu dem Schluss: „Deutschland hatte einen starken Einfluss auf andere EWS-Länder, aber es gab auch einen schwachen Einfluss in umgekehrter Richtung.“ Quelle: „Das Inflationsgespenst“ von Thomas Mayer

Von Hans Klumbies