Eros besaß bei den Stoikern eine doppelsichtige Gestalt

Für den Philosophen Zenon von Kition (um 334/332 – 262/261 v. Chr.) und die Stoiker besaß eros eine doppelsichtige Gestalt, die zwischen desinteressierter, wohltätiger Liebe und aggressiver, womöglich grausamer Leidenschaft changierte. Franz X. Eder erläutert: „Die von den Göttern gegebene Begierde konnte sowohl die Quelle für Freude und Vergnügen, für Güte und Zuneigung sein, allerdings auch für genau gegenteilige Emotionen zwischen und unter den Geschlechtern.“ In der griechischen Ethik widmete man König eros deutlich mehr Aufmerksamkeit als anderen Tugenden und Lastern, die beim kontrollierten Umgang mit sich selbst problematisiert wurden. Im Athen des 4. und 5. Jahrhunderts v. Chr. hatten sich die Philosophen schon intensiv mit der Frage beschäftigt, wie der legitime eros gestaltet sein musste, damit sein destruktives Potential kanalisiert und für die Freundschaft und Erziehung genutzt werden konnte. Franz X. Eder ist Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien.

Epikur votierte für eine Balance von Lust und Unlust

Der Philosoph Epikur (um 341 – 271/270 v. Chr.) und seine Anhänger, denen man eigentlich einen Hang zu Hedonismus und übersteigerter Sinneslust nachsagte, zählten eros zu jenen Begierden, die zwar natürlich, aber nicht notwendigerweise und immerwährend befriedigt werden mussten. Auch sie votierten für eine Balance von Lust und Unlust: So sollte der Weise beispielsweise sexuelle Kontakte zu allen Frauen meiden, mit denen dies gesetzeswidrig sei.

Der Weise sollte sich verehelichen, abhängig von den jeweiligen Lebensumständen Kinder zeugen und damit dem Ehebruch entgegenarbeiten, welcher negative Emotionen und soziale Konsequenzen auslöste, die Hedonisten unbedingt vermeiden wollten. Vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet, konnten Sexualhandlungen ebenfalls recht unangenehme Folgen zeitigen: Im „Corpus Hippocraticum“ (5. bis frühes 3. Jahrhundert v. Chr.) folgten bei Männern auf den Geschlechtsakt Erschöpfung und Selbstverlust.

Platon plädierte für körperliche Abstinenz

Prodikos (zwischen 470 und 460 – nach 399 v. Chr.) verband den Geschlechtsakt mit geistiger Abstumpfung, ja sogar Wahnsinn. Platon plädierte für körperliche Abstinenz, um die Vitalenergie für höhere, geistige Zwecke und spirituelle Liebe einsetzen zu können. Pythagoras meinte, dass der Geschlechtsverkehr die Selbstbeherrschung untergrub und die geistigen Kräfte schmälerte. Für Frauen hingegen überwogen die positiven Seiten, sie wurden nach dem Koitus nicht oder kaum geschwächt, im Gegenteil, die männlichen Spermien erwärmten ihr Blut und brachten die menses (Menstruation) zum Fließen.

Zudem wurde so das Verlangen bzw. die Empfangsbereitschaft der Gebärmutter befriedigt und diese an der richtigen Körperstelle offen gehalten. Kam es über längere Zeit zu keiner körperlichen Vereinigung drohte der Uterus auszutrocknen und näher an die feuchteren Organe heranzurücken. Dies wiederum hatte zur Folge, dass die weibliche Psyche instabil wurde in einen latenten Krankheits- und Mangelzustand geriet. Aristoteles offerierte im 4. Jahrhundert eine Alternative zum hippokratischen Körperimage: So sollte das weibliche Fortpflanzungsorgan nicht völlig anders funktionieren als das männliche, sondern in Analogie zu diesem. Quelle: „Eros, Wollust, Sünde“ von Franz X. Eder

Von Hans Klumbies

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