Das Handeln eines Menschen aktiviert nur einen winzigen Teil seiner verfügbaren Erinnerungen. Charles Pépin ergänzt: „Diesseits des Handelns bildet unser Gedächtnis ein großes Ganzes aus Erinnerungen, die Henri Bergson als lebendig und in Bewegung beschreibt.“ Wollen wir wissen wer wir sind, woher wir kommen und wohin wir gehen, müssen wir in die Flut der Überbleibsel der Vergangenheit eintauchen. Wir müssen diesen begegnen, um unsere Komplexität, unsere Subjektivität und jene Geschichte zu erfassen, die für uns konstitutiv ist und unaufhörlich fortgeschrieben wird. Wenn wir aufhören, zu handeln und dadurch eine Auswahl zu treffen, und unsere Erinnerungen freien Lauf haben, beginnen sie zu „tanzen“. Unsere Erinnerungen bilden den plastischen, vielgestaltigen, aktiven Stoff unserer Träume. Charles Pépin ist Schriftsteller und unterrichtet Philosophie. Seine Bücher wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt.
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Passende Bücher bei Amazon findenMenschen erfassen die Welt durch den Filter ihrer Erinnerungen
Fast das gesamte Werk Henri Bergsons ist eine Demonstration dieser Vitalität unsere Erinnerungen, die sich einerseits in den Träumen zeigt, andererseits und weit darüber hinaus in allen Phänomenen des Bewusstseins. Charles Pépin erklärt: „Bergson lehrt uns etwas Grundlegendes für das Verständnis des menschlichen Geistes und unsere Persönlichkeitsbildung: Unsere Erinnerungen, unsere Vergangenheit berieseln unsere gesamte bewusste Aktivität.“ Unsere Vergangenheit kehrt fortlaufend in unseren Wahrnehmungen, Intuitionen, Entscheidungen wieder – in allem, was es uns ermöglicht, unsere freie Persönlichkeit auszudrücken.
So erfassen wir die Welt durch den Filter unserer Erinnerungen: Sie legen sich über die Wirklichkeit, die als gleich, ähnlich oder gegensätzlich wahrgenommen wird. Charles Pépin fügt hinzu: „Wir vergleichen, stellen Verbindungen her und Unterschiede fest, um zu begreifen und zu integrieren. Was wir sehen, berühren, hören, erinnert uns immer an etwas; das Neue wird unwiederbringlich mit dem Stempel des Erlebten versehen.“ Auch unsere Intuitionen sind durch eine lange Erziehung geprägt, durch Erfahrungen, die tief in unserem Innern eingeschrieben sind und zur rechten Zeit wiederkehren, um uns zu leiten.
Die Vergangenheit ermöglicht den Menschen Orientierung
Hier ist kein Wunder am Werk, weder hellseherischer noch göttlicher Natur, sondern schlicht das fruchtbar Spiel der Erfahrung: Wir sind durchdrungen von einer Vergangenheit, die zu uns spricht und uns Orientierung gibt. Charles Pépin erläutert: „So ist es auch mit jeder unserer Entscheidungen, die erst im Bewusstsein des Lebensweges, der uns bis an diesen entscheidenden Punkt geführt hat, frei sind.“ Wir entscheiden immer nur auf der Grundlage einer Gesamtheit von verinnerlichten Konditionierungen, die unsere Persönlichkeit geformt und die Prinzipien und Werte begründet haben, die unsere Entscheidungen bestimmen.
Wir sind nur in dem Maße frei, in dem wir uns der Vergangenheit bewusst sind, die uns zu dem gemacht hat, was wir sind, und unsere Geschichte, der der Leitfaden für unsere Zukunft ist. Charles Pépin stellt fest: „Die Philosophie von Henri Bergson lädt uns ein, die lebendige Materie der Erinnerung zu ergreifen und sie mitzunehmen in der Bewegung, die uns in die Zukunft trägt.“ Wie lebendig unsere Erinnerungen sind, wie dynamisch unser Gedächtnis ist, diese Erfahrung machen wir Tag für Tag. Quelle: „Mit der eigenen Vergangenheit leben“ von Charles Pépin
Von Hans Klumbies
