Erfolgreiche Herrscher müssen gute Schauspieler sein

In seiner großen Abhandlung „Der Fürst“ stellt Niccolò Machiavelli die These auf, Herrscher müssten Schauspieler sein, wenn sie überleben wollten. Richard Sennett erklärt: „Der Fürst muss politische Entscheidungen treffen – zum Beispiel Steuern erhöhen oder Bündnisse eingehen –, gegen die seine Untertanen Widerstand leisten würden, wenn er sie ihnen offen vorstellte.“ Will er die Freiheit haben, hinter den Kulissen ungehindert zu agieren, muss er vor den Kulissen unberechenbar erscheinen, sodass seine plötzlichen Volten die Untertanen von der Politik ablenken und aus dem Gleichgewicht bringen. In der einen Woche zeigt er sich wütend, um seine Untertanen in Furcht zu versetzen; in der nächsten lobt er sie wie ein liebevoller Vater. Richard Sennett lehrt Soziologie und Geschichte an der London School of Economic und an der New York University.

Donald Trump steckt fest in einer einzigen Rolle fest

Was wird der Fürst als Nächsten tun oder sagen? Die Leute können es nicht voraussehen. Der Fürst sorgt dafür, dass die Augen der Menschen sich ständig auf ihn richten, weil er in seiner Rolle immer wieder die Gestalt wechselt, die deshalb niemals schal und abgestanden wirkt. Richard Sennett ergänzt: „Dennoch muss er selbst klaren Kopf bewahren und darf sich nicht von der Verwirrung mitreißen lassen, die er in den Köpfen der anderen stiftet.“ Niccolò Machiavelli stützt sich auf eine früh erworbene Fähigkeit, mehr als nur einen Part zu spielen.

Doch bei diesem erwachsenen Rollenspiel findet sich ein neues Moment. Richard Sennett erläutert: „Der Fürst gibt sich seiner Darstellung nicht vollkommen hin. Sie ist eine Maske. Deshalb ist eine Charakterisierung als machiavellistisch bei Demagogen wie Donald Trump nicht ganz zutreffend.“ Der Fürst wechselt seine Masken nach Belieben, während Donald Trump an seine eigenen Fantasien glaubt und tief in einer einzigen Rolle feststeckt. Der Maskenwechsel basierte bei Niccolò Machiavelli auf eigenen Erfahrungen als diplomatischer Vertreter bei Handlungen, in denen Florenz entweder andere Stadtstaaten betrog oder selbst von ihnen betrogen wurde.

Niccolò Machiavelli hatte großes Interesse am Theater

Bei vielen Verhandlungen dieser Art stand Niccolò Machiavelli im Rampenlicht, statt als undurchsichtiger Intrigant hinter den Kulissen zu agieren. Richard Sennett stellt fest: „Erstaunlicherweise analysiert er in „Der Fürst“ nicht wirklich die Technik, in der Öffentlichkeit geschickt zu lügen und zu betrügen. Stattdessen bringt er geschichtliche Beispiele von Fürsten, denen es besonders gut gelang, anders zu erscheinen, als sie in Wirklichkeit waren.“

Dennoch hatte Niccolò Machiavelli großes Interesse am Theater. Es schrieb selbst Theaterstücke, darunter „Mandragola“, das zeigt, wie man im häuslichen Leben mit Untreue davonkommt. Wir können nur vermuten, dass er der Ansicht war, beim Betrug am Ehemann oder an der Ehefrau kämen dieselben Fertigkeiten zum Einsatz wie bei der Übertölpelung der Öffentlichkeit. Nahe Zeitgenossen Machiavellis übersetzten das öffentliche Erscheinungsbild des Fürsten in konkrete Bühnenanweisungen, etwa in der Frage, wie der Thron dekoriert und wo er platziert werden sollte. Quelle: „Der darstellende Mensch“ von Richard Sennett

Von Hans Klumbies