Racha Kirakosian schreibt: „Kontrollverlust, Entgrenzung, Ich-Verlust, Transzendenzerfahrung: Das ist nur eine kleine Auswahl von Zuständen, die Menschen nennen, wenn sie bewusstseinsüberschreitende Erlebnisse schildern. Bei wiedererlangtem vollem Bewusstsein wird das Erfahrene als Glücksgefühl bezeichnet.“ Es gibt noch ein anderes Wort für das Erlebte, das, so schwammig es zu sein scheint, erstaunlich oft zum Einsatz kommt, wenn es um die erwähnten Zustände geht: Ekstase. Ekstase ist so etwas wie ein Oberbegriff, doch verbirgt sich dahinter weit mehr als ein leeres Sammelbecken. Gerade weil Ekstase selbst erratisch und unglaubwürdig ist, unsagbar und empfindlich, bietet sich für Racha Kirakosian genau das an: den Bogen weit spannen, um zu versuchen, einem der verbreitetsten geistigen und körperlichen Phänomene der Menschheit auf die Spur zu kommen. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
Die Aufklärung hat der Ekstase nachhaltigen Schaden zugefügt
Das wohl dominanteste Narrativ, das dem Image der Ekstase nachhaltigen Schaden zugefügt hat, ist von einem spezifischen Denken der Aufklärung beeinflusst. Racha Kirakosian erklärt: „Demnach geht Fortschritt in der Geschichte mit Rationalität einher, wohingegen Ekstase mit Bewusstseinszuständen wie Traum und Vision verbunden wird und damit als diametral entgegengesetzt zur Vernunft gilt.“ Die Vorstellung, dass spirituelle und ekstatische Momente rückständig und deshalb zu überwinden seien, prägt nach wie vor unser westliches Bild von dem, was gemeinhin als Fortschritt gilt.
Die konventionelle Wissenschaftswelt bleibt nicht unberührt von diesem Denken: Sie begreift sich als Speerspitze einer vorwärtsgewandten Vernunft. Selbst wenn in der Vergangenheit ekstatische Zustände im Zentrum wissenschaftlicher Studien gestanden haben, blieben sie Modellen verhaftet, bei denen das angeblich Primitive analysiert und eingeordnet wird. Gleichzeitig hat es auch in der jüngeren Geschichte Denker gegeben, die sich dezidiert Themen widmeten, die notorisch hart zu ergründen sind und die seit jeher mit Ekstase assoziiert werden.
Ekstase ist nicht nachprüfbar
Bemerkenswerterweise nahmen gerade solche Themen in der Antike einen großen Stellenwert ein. Racha Kirakosian blickt zurück: „Träume, Prophezeiungen, Visionen und Orakel galten als Kommunikationskanäle der Götter zu den Menschen. Auch wahnsinniges Verhalten zählt zu derartigen besonderen Zuständen.“ Das heißt nicht, dass es keine zeitgenössischen Kritiker gab, welche die Verständlichkeit dieser angeblich göttlichen Botschaften in Zweifel zogen.
Es gab jedoch ein gesellschaftliches verankertes ernsthaftes Interesse an ekstatischen Zuständen, die nicht selten als prophetische Erlebnisse wahrgenommen wurden. Die hebräische Bibel ist ein Beispiel für die Beschäftigung damit, Cicero ein anderes. Ekstase – das hat Racha Kirakosian bei ihrer Recherche gelernt – ist nicht nachprüfbar. Das Nichtevidente gehört zum Wesen der Ekstase. Anderes gesagt: Ekstase verwischt ihre Spuren; das Phänomen einem historischen oder diachronen Argument. Quelle: „Berauscht der Sinne beraubt“ von Racha Kirakosian
Von Hans Klumbies
