Verwandlungen gibt es in Hülle und Fülle

Die Metamorphose ist außerdem eine Allegorie der Läuterung. Emanuele Coccia erklärt: „Wie die Insekten ihren alten Körper ablegen, so müssen auch die Menschen ihre alte Lebensweise ablegen, um eine neue anzunehmen.“ Dieser ziemlich radikale Vergleich lässt sich mühelos umkehren. Die Metamorphose wäre dann eine binnenweltliche Auferstehung und fände immer dann statt, wenn der Körper eines Menschen seine Gestalt verändert. Voltaire verwies darum auf die „Verwandlungen, die es auf der Erde in Hülle und Fülle gibt“, als Figuration der Seelenwanderung und der Reinkarnation. In der zeitgenössischen Entomologie wird diese Auferstehung oder Reinkarnation, die in einem einzigen Leben stattfindet, eine ganz andere Wendung nehmen. Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.

Ein Insekt ist ein Leben in Formen

Für den berühmten Insektenforscher Carroll M. Williams ist die Metamorphose nur ein Mechanismus. Dieser erlaubt es den zwei unvereinbaren Körpern erlaubt, zum selben Individuum zu gehören. Andere wiederum deuteten die Metamorphose der Insekten als banalste aller Verwandlungen. Für Jan Swammerdam ist die Metamorphose nur eine Bewegung der Offenlegung und plötzlichen Entfaltung des Lebendigen. Also mit dem Blühen vergleichbar. Dieser Vergleich birgt jedoch eine viel radikalere Weise in sich, die Vielfältigkeit der Gestaltungen innerhalb des Lebendigen zu denken.

In beiden Fällen bedeutet die Beschäftigung mit den Insekten, ihre verschiedenen Strategien zu beschreiben, um die verschiedenartigsten Formen in einem einzigen Leben zusammenzubringen. Emanuele Coccia stellt fest: „Ihr Leben gibt sich offenbar nicht damit zufrieden, sich nur in einer Gestalt zum Ausdruck zu bringen. Ein Insekt ist nicht so sehr eine Lebensform, es ist eher ein Leben in Formen. Dasselbe ließe sich über Welten sagen.“ Ganz gleich, ob das Alter, bestimmte Situationen oder die anatomische Silhouette von Vielfältigkeit betroffen sind. Jedes Insekt ist ein Defilee der Welten.

Das Leben der Insekten gleicht einem Polyptychon

Die Metamorphose verschafft Lebewesen die Möglichkeit, in einem Leben mehrere unvereinbare Welten zu verknüpfen. Das Ich wird zur Synthese mehrerer Universen und nicht zum Abbild oder Spiegelbild dessen, was es umgibt. So erklärt die heutige Biologie die Koexistenz der anatomisch und physiologisch denkbar entfernten Gestalten von Larve und adultem Insekt häufig mit einem ökologischen Vorteil. Adultes und juveniles Insekt leben in anderen Welten.

Sie begegnen einander nicht, sie konkurrieren nicht miteinander. Sie verkörpern ein Leben, das mit keiner spezifischen Welt, Ökologie oder Landschaft vorliebnimmt. Emanuele Coccia fügt hinzu: „Immerzu fügt das Lebendige unvereinbare, entfernte Welten zusammen und zieht von einer Landschaft zu einer anderen weiter. Das Lebendige ist jenes Element, das außerhalb jeder Ökologie steht.“ Das Leben der Insekten gleicht also einem Polyptychon. Es lässt sich unmöglich in einem Einzelporträt erfassen. Quelle: „Metamorphosen“ von Emanuele Coccia

Von Hans Klumbies

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