Die Philosophie vernachlässigte das Zuhause nicht nur, sie ordnete es zudem der Stadt und der Politik unter und verbaute sich damit selbst den Weg zum Glück. Sie überließ das Zuhause den Kräften von Genealogie und Eigentum, so dass es in sich zusammenschrumpfte, bis es nur noch den Anforderungen des menschlichen Körpers diente. Dagegen verbannte man alles, was mit Glückseligkeit zu tun hat, aus den seinen vier Wänden und verlagerte es in die Stadt hinaus. Emanuel Coccia kritisiert: „Das Glück ist zum bloßen Schattenspiel verkommen, weil es aus dem zu eng gewordenen häuslichen Ambiente herausgelöst und zu einem politischen Faktum erhoben wurde, das sich nur im städtischen Raum entfalten kann.“ Emanuele Coccia ist Professor für Philosophiegeschichte an der École des Hautes Études en Sciences Sociales in Paris.
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Aktuelle Angebote zu "Emanuele Coccia beschreibt das Zuhause in der Philosophie"
Passende Bücher bei Amazon findenDie Stadt gilt als Gegenentwurf zum Zuhause
Gleichzeitig ist die moderne Stadt nichts weiter als eine heterogene Ansammlung von Orten, Techniken und Einrichtungen. Diese schaffte man gewissermaßen als Gegenentwurf zum Zuhause, um das Glück und die Freiheit zu beherbergen. Denn für diese war dort kein Platz mehr. In der Stadt konnten die Menschen mit Hilfe von Arbeit, Konsum, Bildung, Kultur oder einfachen Vergnügungen jenen unreflektierten Naturzustand überwinden, der sie daran hinderte, Dinge zu verändern. Diese wurden von einer vermeintlichen „biologischen“ Ordnung oder von angeblichen Grundbedürfnissen vorgeschrieben.
Emanuel Coccia weiß: „Jahrhundertelang lag die Welt, in der man zumindest theoretisch mit anderen gleichgestellt sein konnte, darum jenseits der eigenen Haustür.“ Ob nun in Schulen, Kinos, Parks, Restaurants und so weiter, erst jenseits der eigenen vier Wände konnte man die Welt wirklich erfahren. Erst außer Haus war sie voller Gesichter, Gegenstände und Ideen, die zu groß und intensiv waren, um in der Begrenztheit von Wohnzimmern und Küchen einen Platz zu finden.
Häuser sind keine öffentlichen Orte
Von Platon über Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau bis hin zu John Rawls war die moderne Stadt so etwas wie ein Taschenspielertrick der Philosophie. Sie war eine Art philosophischer Traum von Freiheit und ein kollektives Trugbild. Dieser sollte die Menschen von ihrem Zuhause ablenken, so als sei es nicht mehr als ein Schrank, in dem man etwas verstaut, um es getrost vergessen zu können. Allerdings hat sich die Philosophie nicht allein schuldig gemacht, denn das Zuhause wurde auch von anderen Disziplinen systematisch vernachlässigt.
Im Laufe der Zeit hat es sich in eine Maschine verwandelt, die alles aufsammeln muss, worüber man nicht öffentlich sprechen kann oder soll. Emanuele Coccia erläutert: „Jahrhundertelang war das Haus der „Rest“, was übrigbleibt, wenn die Show vorüber ist, der Bodensatz, den niemand mit uns teilen konnte oder wollte.“ Anders als die Städte sind die Häuser, aus denen sie bestehen, in aller Regel keine öffentlichen Orte. Nur in sehr wenigen Fällen kann sich die Allgemeinheit ein Bild von den Bewohnern, der Einrichtung oder den Ereignissen machen, die darin stattgefunden haben. Quelle: „Das Zuhause“ von Emanuele Coccia
Von Hans Klumbies
