Der Grund für das Vorherrschen negativer Vorstellungen bim Stichwort Ekstase ist die Assoziation mit Drogen. Racha Kirakosian stellt fest: „Der Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen wird erst einmal grundsätzlich als verwerflich angesehen – wenn man vom Alkoholgenuss absieht, der in vielen Kulturkreisen salonfähig ist –, und nicht selten wird er in einem Atemzug mit Kriminaldelikten anderer Art wie Waffen- und Sexualverbrechen genannt.“ Der Sozialwissenschaftler Aldo Legnaro erklärt diese Tendenz damit, dass im industriellen Europa – im Gegensatz zum vorindustriellen Zeitalter – der Rausch nicht mehr mit dem modernen, getakteten und auf Arbeitseffizienz ausgerichteten Leben vereinbar gewesen sei, sodass er als deviant abgestempelt wurde. Diese eurozentrische These, welche die Selbstkontrolle des Individuums hervorhebt, verfolgt eine nicht ganz unproblematische Grundannahme, nämlich die, dass in der Vormoderne das Leben nicht effizient und strukturiert abgelaufen sei und deswegen Rauschmittel damals präsenter gewesen seien. Racha Kirakosian bekleidet eine Professur für Mediävistik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.
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Auf Amazon ansehenDie Ekstase ist nicht zwangsläufig an Rauschdrogen gekoppelt
Tatsächlich aber war das durchschnittliche Leben eines einfachen Menschen im Mittelalter und darüber hinaus geprägt von tagtäglicher schwerer Arbeit. Racha Kirakosian erklärt: „Auch das weist uns auf einen kritischen Aspekt der traditionellen Geschichtsschreibung hin: Die Narrative, welche die großen Linien der Menschheit zu zeichnen versuchen, erzählen zum größten Teil die Geschichte der Eliten.“ Aldo Legnaro versucht jedoch eigentlich das nicht zu tun, indem er auf die Zeit der Industrialisierung zurückblickt, als die Lebensbedingungen der Menschen zunehmend an die Effizienz der Maschinen gekoppelt wurden.
In diesem Sinne werden Rauschdrogen in der Geschichtsschreibung immer wieder an den dominierenden kulturellen Rahmenbedingungen gemessen, wobei mal religiöse, mal moralische, mal wissenschaftliche Argument im Vordergrund stehen. Ekstase ist nicht zwangsläufig an Rauschdrogen gekoppelt. Racha Kirakosian erläutert: „Generell kann Ekstase auch mit Formen von Rausch in Verbindung gebracht werden, die nicht von Substanzen generiert sind.“
Die Definition von Ekstase unterliegt zeitgenössischen Vorstellungen
Eine spirituelle Ekstase kommt einem dabei wohl als Erstes in den Sinn. Doch es gibt historische Nuancen in den Definitionsansätzen. Racha Kirakosian weiß: „Was als Ekstase bezeichnet wird, unterliegt auch jeweils den vorherrschenden zeitgenössischen Vorstellungen.“ So schränkt das „Handbuch des Deutschen Aberglaubens“ von 1930 eine „echte religiöse Ekstase“ auf Zustände ein, die „ohne Zuhilfenahme von physikalischen Erregern wie Giften, also auf rein psychischer Basis“ entstünden.
Dabei existieren gerade im religiösen Bereich zahlreiche Beispiele für das bewusste Erzeugen ekstatischer Zustände durch den Konsum von bewusstseinsverändernden Substanzen. Racha Kirakosian fügt hinzu: „Auf der anderen Seite sind Ekstase-Erlebnisse, die auch ohne Beihilfe von „Giften“ als tief spirituell empfunden werden, nicht nur im religiösen Bereich vorzufinden.“ Zu den Rauschzuständen, die nicht auf eine biochemische Zufuhr von außen zurückzuführen sind, zählen zum Beispiel Flow-Erlebnisse, und sie sind in der Regel gesellschaftlich akzeptiert. Quelle: „Berauscht der Sinne beraubt“ von Racha Kirakosian
Von Hans Klumbies
