Den sozialen Hunger zu spüren, der Einsamkeit ausmacht, ist an sich ebenso wenig ein Krankheitssymptom wie physisch Hunger zu verspüren, weil man nichts gegessen hat. Lars Svendsen ergänzt: „Jedoch kann sich die Einsamkeit in einer Weise entwickeln, dass das Risiko für psychische wie auch physische Leiden dramatisch erhöht wird. Einsame haben einen höheren Verbrauch an Gesundheitsdienstleistungen als Nicht-Einsame.“ Studien zeigen, dass Einsamkeit ein starker Prädikator für Mortalität war, selbst wenn man sich aus methodologischen Gründen entschieden hatte, durch Selbstmord verursachte Todesfälle dabei außer Acht zu lassen. Die Wirkung kann mit dem täglichen Rauchen von 10 bis 15 Zigaretten verglichen werden und ist stärker als der Effekt von Fettleibigkeit und physischer Inaktivität. Lars Frederik Händler Svendsen ist Philosoph und Professor für Philosophie an der Universität Bergen. Seine Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.
Einsamkeit verursacht einen Anstieg von Stresshormonen im Körper
Einsamkeit beeinflusst den Blutdruck und die Immunabwehr und verursacht einen Anstieg von Stresshormonen im Körper. Lars Svendsen fügt hinzu: „Das erhöht das Risiko für Alzheimer sowie auf lange Sicht generell geschwächte kognitive Fähigkeiten. Zudem scheint Einsamkeit auch den Alterungsprozess zu beschleunigen.“ Einsame schlafen ebenso viel wie Nicht-Einsame, aber ihre Schlafqualität ist schlechter und sie wachen während des Schafes öfters auf.
Es ist das subjektive Gefühl von Einsamkeit, nicht die tatsächliche Menge an sozialer Stütze, das mit geschwächter mentaler und somatischer Gesundheit korreliert. Lars Svendsen stellt fest: „Will man negative Folgen für die Gesundheit prädizieren, ist also subjektive soziale Isolation, das heißt das Gefühl von Einsamkeit, eine weitaus präzisere Variable als objektive soziale Isolation, also dass man alleine ist.“ Einsamkeit ist keine psychiatrische Diagnose und wird es wohl auch kaum werden.
Einsamkeit ist kein pathologisches Phänomen
Einsamkeit kann jedoch pathologisch werden, wenn es sich um ein chronisches und schmerzhaftes Erleben der Unmöglichkeit handelt, mit jemanden verbunden zu sein. Dabei wird jedes Verhältnis zu anderen primär als ein Mangel an Bindung erfahren, aber Einsamkeit ist kein pathologisches Phänomen, ebenso wenig wie jede Schüchternheit als soziale Angst bezeichnet werden sollte. Lars Svendsen schreibt: „Ich möchte indessen kurz erwähnen, dass ein hoher Grad an Einsamkeit stark mit den Kriterien von Depression korreliert, aber es ist dabei nicht eindeutig, was die Ursache und was die Wirkung ist.“
Es zeigt sich hingegen, dass man ausgehend von Einsamkeit den Anstieg depressiver Symptome prädizieren kann, nicht aber gesteigerte Einsamkeit ausgehend von depressiven Symptomen. Lars Svendsen erläutert: „Es handelt sich ungeachtet dessen um distinktive Zustände, sodass man einsam sein kann, ohne deprimiert zu sein, sowie deprimiert, ohne einsam zu sein.“ Es gibt weiterhin starke Korrelationen zwischen Einsamkeit und Selbstmordgedanken und -verhalten.“ Quelle: „Philosophie der Einsamkeit“ von Lars Svendsen
Von Hans Klumbies
