Eine Krise ist kein Dauerzustand

Konrad Paul Liessmann schreibt: „Wir leben in Zeiten multiplen Krisen: Pandemie, Krieg, Inflation, Korruption, Klimawandel, Populismus, Migration, Kapitalismus, künstliche Intelligenz. Damit sind nur die großen Krisenherde benannt, die uns seit einigen Jahren beschäftigen, kleinere Krise wie der Verfall des Gesundheitswesens, bröckelnde Brandmauer oder endlose Regierungsverhandlungen zählen wir dabei gar nicht mit.“ Und bei all dem war noch nicht von den vielen persönlichen Krisen die Rede, die einerseits als Folge der großen Krisen den Einzelnen treffen können, anderseits diesen auch nicht verschonten, wäre die Welt in Ordnung. Die Krise ist jedoch kein Dauerzustand. Wer das Gefühl hat, ständig mit und in Krisen zu leben, hat im strengen Sinn keine Krise. Konrad Paul Liessmann ist Professor emeritus für Philosophie an der Universität Wien, Essayist, Literaturkritiker und Kulturpublizist.

Bei jeder Krise geht es zentral um ein Urteil

Krise ist vorab ein Synonym für Differenzerfahrungen. Es ändert sich etwas, und es steht zu erwarten, dass nachher fast nichts mehr so sein wird wie vorher. Konrad Paul Liessmann ergänzt: „Die Krise selbst ereignet sich in der Zeit. Sie markiert eine dramatische Unterscheidung zwischen einem Davor und einem Danach. In der antiken Medizin verstand Hippokrates unter Krise eine kurze Phase im Krankheitsverlauf, jene entscheidenden Tage, in denen sich herausstellt, ob zum Beispiel eine Infektion überwunden werden kann oder nicht.“

Dass es in jeder Krise zentral um ein Urteil geht, ist bisher vielleicht unterschätzt worden. Damit ist die juristische Sphäre des Krisenbegriffs berührt. Konrad Paul Liessmann erklärt: „In jeder Krise geht es auch um Recht und Unrecht, Schuld und Unschuld. Das trifft auf Beziehungskrisen ebenso zu wie auf politische oder ökonomische Zusammenbrüche.“ Der Philosoph Gunnar Hindrichs hat darauf aufmerksam gemacht, dass theologisch gesprochen das „alles entscheidende Urteil das Urteil des Jüngsten Gerichts ist“.

Gunnar Hindrichs unterscheidet am Krisenbegriff drei Bedeutungen

In diesem werden nach einer letzten, apokalyptischen Schlacht die Guten von den Bösen geschieden und ein endgültiges Urteil gefällt, das die zerrissene Welt wieder ordnet. Konrad Paul Liessmann erläutert: „Nach Gunnar Hindrichs lassen sich am Krisenbegriff drei Bedeutungen unterscheiden: das Urteil über Richtig und Falsch, die Entscheidung über Leben und Tod und die Apokalypse und deren Verinnerlichung.“ Naheliegend, dass diese Bedeutung bei der aktuellen Krisenrhetorik mitschwingt.

Es droht stets ein Untergang, der nur unter Aufbietung aller Kräfte abgewehrt werden kann. Konrad Paul Liessmann stellt fest: „Das Jüngste Gericht als innere Konsequenz eines dramatischen Krisenbewusstseins spiegelt sich womöglich auch in der Erwartung, die zunehmend in der Verrechtlichung des Politischen gesetzt wird.“ Eine Gesellschaft im Krisenmodus kann gar nicht anders, als von der Beurteilung einer Lage rasch in ein Verurteilen zu fallen. Quelle: „Was nun?“ von Konrad Paul Liessmann

Von Hans Klumbies