Eine geopolitische Mittellage hat einen großen Nachteil

Herfried Münkler erklärt: „Im Verlauf des 16. und 17. Jahrhunderts bildete sich für die Deutschen eine geopolitische Lage in der Mitte des Kontinents heraus, mit der sie sich nicht leichttaten.“ Denn die geopolitische Mittellage hat einen großen Nachteil. Denn die aus der Mitte heraus zur Hegemonie über einen Großraum strebende Macht hat es auf mindestens zwei Seiten mit Konkurrenten zu tun, die diesen Aufstieg verhindern wollen. Eine der geopolitischen Beobachtungen besagt darum, dass Aufstiege aus einer Mittellage selten gelingen und, wenn sie doch einmal gelungen sind, stets prekär und bedroht bleiben. Deswegen, so die daraus abgeleitete geopolitische Direktive, ist es ratsam, sich in eine periphere Position zu manövrieren, wenn man als raumbeherrschenden Akteur agieren will. Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Viele seiner Bücher gelten als Standardwerke, etwa „Imperien“ oder „Die Deutschen und ihre Mythen“.

Das Römische Reich konnte sich lange nach allen Seiten absichern

Das Problem dabei ist, dass es unter den je vorherrschenden Verhältnissen nur selten möglich ist, sich in eine solche Randlage zu bringen. Herfried Münkler weiß: „Nun sind geopolitische Rand- wie Mittellagen keine unmittelbar aus der Geographie resultierende Konstellationen, sondern haben mit technologischen Entwicklungssprüngen, dem Aufstieg und Zerfall anderer Mächte, gesellschaftlichen Veränderungen und vielem anderen zu tun.“ Der Aufstieg Roms etwa erfolgte an der Peripherie der um das östliche Mittelmeer gelegenen Großreiche.

Aber als konsolidierte Macht befand sich Rom im Zentrum des mediterranen Raums, weswegen die politisch-militärische Aufmerksamkeit des Reichs sich in alle vier Himmelsrichtungen erstrecken musste. Herfried Münkler ergänzt: „Nicht immer gleichzeitig und in derselben Intensität, aber doch als latente Disposition, bei der sämtliche das Imperium umgebenden Räume im Auge zu behalten waren.“ Die Absicherung nach allen Seiten ist dem Römischen Reich über mehrere Jahrhunderte gelungen.

Der Papst war die Legitimationsquelle des Kaisers

Das unter Karl dem Großen wiedererstandene Reich war in einer ähnlichen Lage. Denn es musste sich gegen die immer wieder von der iberischen Halbinsel über die Pyrenäen nach Norden vordringenden Muslime behaupten. Zudem musste es in Norditalien im Interesse des Papstes, der Legitimationsquelle des Kaisers, für Ordnung sorgen. Dies lief darauf hinaus, dass es die Alpen nicht als Barriere nutzen konnte. Herfried Münkler fügt hinzu: „Schließlich expandierte es nach Osten, um die dort siedelnden Völkerschaften zu christianisieren und auf diese Weise an sich zu binden und in den Reichsverband einzugliedern.

Später kam noch die Aufgabe hinzu, die aus der asiatischen Steppe herandrängenden Reitervölker abzuwehren und sie an der Ausplünderung der Ostprovinzen zu hindern oder die zeitweilig eingegangene Praxis des Freikaufs durch Tributleistung zu beenden. Herfried Münkler stellt fest: „Die bewegliche Grenze des Reichs lag im Osten, wo man es nicht mit konsolidierten Machtbildungen zu tun hatte, sondern mit sporadisch auftauchenden Kontrahenten. Quelle: „Welt in Aufruhr“ von Herfried Münkler

Von Hans Klumbies

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