Eine Diagnose kann einen Patienten auch entlasten

In der Regel gehen Menschen zu Therapeutinnen, Coaches, Lebensberaterinnen und so weiter, weil sie fühlen, dass etwas nicht stimmt, sie etwas quält. Diana Pflichthofer ergänzt: „Aber sie haben für dieses Etwas keinen Namen. Dann ist es womöglich hilfreich, wenn es einen Namen bekommt, auch wenn es ein nicht zutreffender ist.“ Eine Diagnose kann auch entlasten, und dies umso mehr, als sie mit der Riesenwelle der Kognitiven Verhaltenstherapie annehmbare Angebote dafür gemacht werden, warum man X hat. Irgendwie hat man die Erkrankung „geerbt“, in den „Genen“, damit also von Geburt an. Das wird – missverstanden – so aufgenommen, dass die individuellen und gesellschaftlichen Lebensumstände nichts damit zu tun haben. Oder es handelt sich um eine Art „Fehlprogrammierung“. Dr. Diana Pflichthofer ist Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalytikerin und Gruppenanalytikerin.

Lang anhaltende Angst kann die Hirnstruktur verändern

Man hat sich etwas, beispielsweise eine negative Sicht auf die Dinge, zu sehr „angewöhnt“ oder ist von den Eltern „falsch programmiert“ worden, hat also eine Art „Softwareproblem“. Diana Pflichthofer erklärt: „Diese funktionale und vor allem äußerst beziehungslose Sichtweise wird dann gerne unterlegt mit der „Hirnforschung“, insbesondere der Neurobiologie, dieser spannenden Wissenschaft, die inzwischen bei vielen für vieles herhalten muss.“ Das Softwareproblem ist entstanden, weil es ein Hardwareproblem gibt.

Dies ist eine leider häufig anzutreffende verkürzte Sichtweise, die sich allen wissenschaftlichen neurobiologischen Aufklärungen zum Trotz hartnäckig hält. Diana Pflichthofer weiß: „Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Neurobiologie ist gerade, dass ein Softwareproblem einem Hardwareproblem vorausgehen kann.“ Das heißt, wenn ein Verhalten oder auch ein Erleben – zum Beispiel Angst – lange genug anhält, kann sich im Laufe der Zeit auch die Hirnstruktur verändern. Aber offenbar scheint eine rein funktionale, mechanistische, biologistische Einordnung menschlichen Verhaltens und Erlebens zurzeit attraktiv zu sein.

Die Digitalisierung geht mit einem Informationsverlust einher

Denn sie befreit von der Komplexität, die entsteht, wenn man Beziehungen, Gefühle, Biografisches, Leben, Erleben und die Konflikthaftigkeit des Menschen mit einbezieht, wenn man gar nach Bedeutungen sucht. Vielleicht könnte man sogar von dem – zwangsläufig scheiternden – Versuch sprechen, die Psyche und die Psychotherapie zu digitalisieren. Bekanntermaßen versteht man unter der Digitalisierung – ursprünglich – die Umwandlung von analogen Werten in digitale.

Diana Pflichthofer fügt hinzu: „Analoge Werte sind stufenlos darstellbare, also kontinuierliche Werte, digitale Werte sind stufenförmig. Neben den Vorteilen der Digitalisierung liegt genau hier eines ihrer Nachteile: Sie geht mit einem Informationsverlust einher.“ 1 oder 0, An- oder Aus-Signale, das heißt, alles oder nichts, das „Dazwischen“ ist nicht ohne Weiteres darstellbar. So spektakulär die Erfindung des dualen Systems durch Gottfried Wilhelm Leibniz für die Mathematik und die Informationsverarbeitung auch gewesen sein mag, die menschliche Psyche in dieses System pressen zu wollen, hält Diana Pflichthofer für mehr als kritisch. Quelle: „Die Psychoindustrie“ von Diana Pflichthofer

Von Hans Klumbies