Der „Allerwelts-Choleriker“, der spontan, unbeherrscht und jähzornig seine jeweils aktuelle Befindlichkeit auslebt, muss nicht zwingend schon die definierten Grenzen einer Persönlichkeitsstörung überschreiten. Heidi Kastner erklärt: „Findet er im Privaten eine ausreichende Zahl gelassener Kommunikationspartner, die sich von den vulkanartigen Ausbrüchen nicht beirren lassen, ungerührt deren Ende abwarten und dann – „so ist er eben, aber er hat auch gute Seiten“ – wieder zu Tagesordnung übergehen.“ Und zeigt er im Berufsleben mehr Fähigkeit zur Selbstkontrolle und findet einen Chef, der wegen seiner positiven Eigenschaften die vereinzelten Gewitter toleriert, so muss eine cholerische Disposition nicht unbedingt zu dauernden Konflikten und Leidenszuständen führen. Eine besondere Herausforderung stellen cholerische Chefs dar: Nicht jedem ist es gegeben, derartige Eruptionen ungerührt vorbeiziehen zu lassen, obwohl das wohl das probateste Mittel wäre, damit umzugehen. Heidi Kastner ist Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie. Seit 2005 ist sie Chefärztin der Forensischen Abteilung der Landesnervenklinik in Linz.
In der Rage regiert die reine Emotion
Wer den Wutausbruch als Aufforderung zu einer Auseinandersetzung interpretiert, wird sich rasch in einem symmetrisch eskalierenden Konflikt wiederfinden, der am Ende nach den Regeln der Hierarchie entschieden wird und zumindest einen schwer Gekränkten zurücklässt. Heidi Kastner weiß: „In der Rage fallen Argumente und Fakten nicht auf fruchtbaren Boden, hier regiert die reine Emotion, die Vernunft bleibt außen vor.“ Weitaus sinnvoller ist es, der Situation aus dem Weg zu gehen.
Ebenso sinnvoll ist es, der Situation mit Gelassenheit und einer Portion Charme – allerdings nicht mit Ironie, die würde nur weiteren Zündstoff liefern – zu begegnen, auf das Abklingen zu warten und danach in der Sache selbst zu argumentieren. Heidi Kastner fügt hinzu: „Besondere Optimisten können in der Verzögerung, die der Wutausbruch bewirkt, eine Möglichkeit sehen, ihre eigenen Argumente zu sammeln und ihr taktisches Vorgehen auszufeilen.“
Vier wesentliche Faktoren konstituieren die Persönlichkeit
Hans Jürgen Eysenck, einer der maßgeblichen Psychologen des 20. Jahrhunderts, definierte Persönlichkeit als „die mehr oder weniger stabile und dauerhafte Organisation des Charakters, Temperaments, Intellekt und Körperbaus eines Menschen, die seine einzigartige Anpassung an die Umwelt bestimmt. Der Charakter eines Menschen umfasst das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seines konativen Verhaltens – des Willens; sein Temperament das mehr oder weniger stabile und dauerhafte System seines affektiven Verhaltens – der Emotion oder des Gefühls.“
Heidi Kastner erläutert: „Eysenck unterschied vier wesentliche Faktoren, welche die Persönlichkeit konstituieren, nämlich Extraversion, Introversion, Neurotizismus – Labilität – Stabilität – und Psychotizismus.“ Die Grundlage dieser Merkmale vermutete er in den anatomischen Gegebenheiten des Gehirns, die einerseits auf Basis genetischer Vorgaben, andererseits durch Einflüsse im Laufe der Entwicklung geschaffen werden. Die Amygdala, der Mandelkern, ist derjenige Ort unseres Gehirns, in dem Emotionen „entstehen“ und erlebbar werden. Quelle: „Wut“ von Heidi Kastner
Von Hans Klumbies
